Herbert Fussy: “Die Haltung ist entscheidend”

In der Sonntagsausgabe (8. März 2015) erschien im KURIER unter dem Titel “In der Zeitung gibt es immer nur Räuber” ein Interview mit Herbert Fussy über das Österreichische Wörterbuch, das er 40 Jahre lang betreut hat. Hier die Langfassung: Der Germanist, der nun schweren Herzens in Pension geht, äußert sich über das “Verhaspeln” beim Singen der Bundeshymne und die 2000 Wörter, die er für die neue Ausgabe des Wörterbuchs gesammelt hat. –

Sie haben 40 Jahre lang das Österreichische Wörterbuch betreut. Wie wird man zum obersten Beobachter des österreichischen Deutschs?

Ich wollte eigentlich Musiker werden. Während der Schulzeit lernte ich an der Grazer Jazzakademie zwei Jahre lang Saxophon. 1968, als ich maturierte, starb John Coltrane. Ich fragte mich: Bist du auch nur annähernd so begabt wie er? Ich musste die Frage verneinen, verkaufte mein Saxophon – und studierte Germanistik. Sinologie wäre mein Wunschstudium gewesen, aber das war damals nicht möglich in Österreich. Voriges Jahr aber habe ich mir wieder ein Saxophon gekauft. Zu meiner Überraschung konnte ich noch alle Griffe.

Die Frage aber ist noch unbeantwortet.

Ach ja. Ich wollte eigentlich in einer Bibliothek arbeiten. Aber das ging schief. Ich fuhr mit dem Zug nach Wien – und landete beim Österreichischen Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst. Dass ich Lexiograf werden würde, hab’ ich nicht geahnt. Aber mein damaliger Chef steckte mich sofort in die Wörterbuchredaktion. Mein Bestreben war von Anfang an: Ich möchte genauso gut wie der Duden sein – aber eben österreichisch. Dazu brauchte ich die Bewilligung der Umfangserweiterung. Mit der Zeit wuchs das ÖWB von 274 auf 928 Seiten an.

Weil immer mehr Wörter hinzukamen.

Ja, der Wörterschatz nimmt permanent zu. Es gibt neue Dinge, neue Tätigkeiten, neue Entwicklungen: Ich „linke“, wenn ich einem „Link“ setze, und ich „like“.

Gehen nicht auch Wörter verloren?

Nur ein paar Sachbegriffe wie das „C-Netz“. Man kann aber nicht die Ritterrüstung herausnehmen, nur weil es keine Ritterrüstungen mehr gibt. Das gleiche gilt für die Kredenz und das Wams. Denn diese Wörter sind zumindest in der Literatur verankert.

Die Gründung des ÖWB wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg beschlossen. Um sich von Deutschland abzugrenzen und zur Stärkung der eigenen Identität?

Ja. Schon in der Manuskript-Fassung Ende der 1940er-Jahre gab es Vorschläge für österreichische Ausdrücke. Sagt man „der Monat“ oder „das Monat“? Es geht darum, was in Österreich Standard ist, also die Ausdrucksform, die die Mehrzahl benutzt, die verständlich ist und von allen anerkannt wird. Dieser Standard ändert sich andauernd. Es war daher wichtig, jene Wörter aufzunehmen, die für uns typisch sind, also Austriazismen wie „Matura“. Schon bald bin ich aber draufgekommen, dass die „Tomate“ nicht piefkinesisch ist. Und in Tirol sagt kein Mensch „Erdäpfel“. Was also ist Standard? Man muss auch die sprachlichen Großlandschaften beachten! Und die Wörter wandern! Die „Käferbohnen“ zum Beispiel oder das „Verhackerte“. Leider wandert mehr vom Norden in den Süden als umgekehrt.

Hat das ÖWB eigentlich amtlichen Charakter?

Wir beantworten die Frage, wie man ein Wort wie „verwordakeln“ schreibt. Wenn es im ÖWB steht, dürfen die Schüler es schreiben. Überspitzt formuliert: Wir geben dem Benutzer das Recht, seine Sprache zu verwenden – auch bei Schularbeiten.

Aber im ÖWB steht auch das Wort „Neger“. Darf man „Neger“ verwenden?

Selbstverständlich. Man darf ja auch „Depp“ und „Arsch“ verwenden. Man darf es nur nicht zu jemandem sagen. Das ist ein großer Unterschied! Ein Wort ist neutral. Das Wort „Neger“ kommt aus dem Lateinischen und heißt „schwarz“. Es war viele Jahrhunderte lang ein normaler Ausdruck. Ein anderes Beispiel: Die Sinti und Roma bezeichnen sich als „Zigeuner“. Auch ich bezeichne mich als Zigeuner: Ich bin in meinem Leben 3500 Mal mit dem Zug über den Semmering gereist – von Graz nach Wien. Ich verwende das Wort in einem historischen, für mich adäquaten Sinn. Aber wenn man es als Schimpfwort verwendet, ist es verwerflich. Und wenn die Gemeinschaft ein Wort verfemt, dann muss man das zur Kenntnis nehmen.

Interessant ist, dass man nun auch „Schwarzer“ nicht mehr verwenden darf.

Wir werden neue Wörter finden, aber auch sie werden bald wieder verfemt sein. Es müsste sich die Haltung ändern. Jedes Wort hat die Potenz, zu einem Schimpfwort zu werden: „Tschusch“ zum Beispiel oder „Burgenländer“ oder „Ostfriese“. Die Haltung ist entscheidend. Ich kenne es, mit Worten verletzt zu werden. Und wenn es Menschen gibt, die sich verletzt fühlen könnten, bin ich unter allen Umständen bemüht, dieses oder jenes Wort zu vermeiden. Aber jeder Mensch sollte das Recht haben, selbst zu entscheiden, welches Wort er verwendet. Wenn er mit dem Wort „Neger“ in die Bredouille kommt, wird er von selbst aufhören. Aber es darf kein Zwang ausgeübt werden! Die Political-Correctness-Debatte und die Gender-Debatte bedeuten große Umwälzungen. Es gibt aber noch keine einheitliche Sicht – auch nicht über das Binnen-I.

Das Wort „Binnen-I“ wurde in die aktuelle Auflage aufgenommen. Aber Sie sträuben sich gegen die Verwendung?

Das Binnen-I ist laut einem Erlass des Unterrichtsministeriums zu vermeiden. Wir haben einen diplomatischen Satz aufgenommen, auf den ich stolz bin: „Das große I im Wortinneren wird im amtlichen Regelwerk nicht behandelt. Daraus kann aber nicht geschlossen werden, dass der Verbrauch fehlerhaft ist.“ Wir können ja nicht die Entscheidung treffen, ob etwas richtig ist oder falsch.

Aber Sie steuern sehr wohl mit dem Wörterbuch!

Eigentlich wollen wir nur deskriptiv sein, also die Sprachwirklichkeit beschreiben. Aber in dem Moment, in dem die neue Auflage erscheint, ist sie eine Vorschrift, also praeskriptiv. Damit müssen wir leben.

Um dem Binnen-I zu entgehen, verwendet man nun gerne Partizipial-Lösungen, zum Beispiel „Studierende“. Aber Studenten und Studentinnen sind eigentlich nur dann, wenn die studieren, Studierende.

Das stimmt. Aber Partizipial-Konstruktutionen vereinfachen in vielen Fällen die Sache. Die Sprache wird jedoch nicht verständlicher dadurch. Es gibt auch Auswüchse beim Gendern: Ist die Studienführerin sinnvoll? Die Fleischwölfin? Die UKW-Senderin? In der Zeitung gibt es immer nur Räuber, aber nie Räuberinnen. Ist das nicht ungerecht? Die Deutschen haben es in der Frage gut: Wenn sie gewählt haben, haben Frauen und Männer gewählt. Und wenn die Österreicher gewählt haben? Dann nur die Männer?

Womit wir bei der Bundeshymne wären.

„Heimat bis Du großer Söhne“ ist ein Pars pro toto. Ich wette: Paula Preradovic wollte nicht die Frauen diskriminieren. Sie brauchte einfach ein Reimwort. Aber in der heutigen Zeit nimmt man „Heimat bis Du großer Söhne“ wörtlich. Daher fehlen die Töchter. Es gibt zwei Möglichkeiten: Man findet sich damit ab, dass die Hymne ein historischen Text ist – oder man macht eine neue. Beides ist nicht passiert. Ich finde, man sollte zum historischen Text zurückkehren. Dann braucht man sich beim Singen nicht mehr verhaspeln. Man soll in einen Text nicht etwas Schlechtes hineinlegen, wo nichts Schlechtes gedacht war und nichts Schlechtes drinnen ist.

Wird das österreichische Deutsch überleben können?

Ich war der Meinung, dass es unsterblich ist. Aber ich bin zum Zweifler geworden – wenn ich meinen Enkeln zuhöre, die fünf und acht Jahre alt sind. Sie sprechen so, dass man glauben könnte, sie leben in Hamburg. Es ist schick, so zu sprechen wie man in manchen Fernsehsendungen. Sie haben einen ungeheuren Einfluss. Früher sagte man in Österreich „bisher“, jetzt aber ist es fesch, „bislang“ zu sagen. 30 Jahre lang habe ich als Tennisspieler „das Tie-Break“ gesagt; jetzt sagen die Sportmoderatoren „der Tie-Break“.

Früher sagte jeder in Österreich „das E-Mail“.

Aber es gibt eben zehn Mal so viele Deutsche. Und nun überrollt uns „die E-Mail“. Ganz besonders leide ich unter dem Wort „lecker“. Wir hatten „lecker“ im ÖWB früher mit der Erklärung „besonders Norddeutsch“, dann „Deutsch“, dann „ursprünglich Deutsch“. Heute können wir nichts mehr dazuschreiben. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass „lecker“ heimisch geworden ist. „Tschüss“ ist das verbreitetste Grußwort – und „lecker“ das verbreitetste Wort für „es schmeckt gut“. Vor einiger Zeit gab es im „Falter“ ein Interview mit dem Wienerlied-Musiker Roland Neuwirth. Er kritisierte, dass das Wort „lecker“ ins ÖWB aufgenommen wurde: „Hätte mein Großvater das gehört, er hätte eine Bombe in die Redaktion geschmissen.“ Ich glaube, nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ sollte man mit dem Bombenwerfen auf Redaktionen vorsichtig sein. So weit darf sprachlicher Fanatismus nicht gehen! Natürlich ist es positiv, dass man sich für die eigene Sprache, den eigenen Dialekt interessiert. Aber das Gegenteil ist der Fall, wenn man damit andere unterdrückt.

Wann kommt die nächste Ausgabe des ÖWB heraus?

2016. Als Vermächtnis hinterlasse ich 2000 neue Wörter, darunter App-Store, Pizzaschnitte im Sinn von „Pflug“ beim Schifahren, Emoji, Snoglide, Gratiszahnspange, ÖBIB statt ÖIAG, die Austriazismen Kanzleramtsminister und Mehrphasenführerschein, Selfie, Ich-AG, Vleisch, Arbeitstzeitmodell, Blackfacing, Schwimmbrett, Aktivismus, leaken, Geierschnabel, Stubentiger, aufpoppen, nachschärfen, gelingsicher, Politainment, upcyclen, heteronormativ, Bezirksvorstehung, Problemstoff, Chia.

Chia?

Eine Pflanze. Im KURIER war ein Artikel darüber. Kann man mittlerweile in jeder Apotheke kaufen. Ist gesund, schmeckt aber nach nichts.

Sie gehen Ende März in Pension. Fällt der Abschied schwer?

Zuerst schon. Ich bin mit dem ÖWB verwachsen. Aber ich habe jetzt drei Saxophone, drei Akkordeons, zwei Enkelkinder, eine wunderbare Partnerin, ich spiele viermal die Woche Tennis – und demnächst gehe ich zum zweiten Mal auf den Kilimandscharo.

Sie wandern seit Jahren auf den Spuren von Ernest Hemingway, der „Schnee am Kilimanscharo“ schrieb. Haben Sie schon alle seine Orte abgeklappert?

Ich war nicht Uganda. Mein Traumziel Timbuktu lässt sich leider nicht verwirklichen – außer ich hätte vor, mein Leben zu riskieren.

Copyright: Thomas Trenkler 2015

Comments
One Response to “Herbert Fussy: “Die Haltung ist entscheidend””
  1. synapse35@yahoo.de' höferl sagt:

    partizipial-konstruktutionen? hmmm…

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