Thomas Glavinic: „Ich bin selten einsam, ich bin allein.“

Thomas Glavinic, 1972 in Graz geboren, über das Eigenleben von Romanen, das Auslegen von Fallen und den Anspruch, Weltliteratur schreiben zu wollen. Veröffentlicht in der Zeitschrift „morgen”.

In Ihrem neuen Buch schreiben Sie: „Ich mag es nicht, mit meinem Protagonisten verwechselt zu werden.“ Denn Ihr Roman „Das bin doch ich“ handelt von einem eher unsympathischen Schriftsteller namens Thomas Glavinic. Wie ist das nun in „Meine Schreibmaschine und ich“: Schreiben Sie tatsächlich über sich – oder wieder nur über eine Figur mit diesem Namen?

Das bin schon ich! Wenn auf einem Buch „Roman“ steht, tritt der Romanpakt in Kraft: Der Leser bekommt eine fiktionale Geschichte zu lesen. Das ist auch der Fall, wenn der Ich-Erzähler und der Autor denselben Namen tragen. Natürlich versucht der Erzähler, der bitte nicht mit dem Autor zu verwechseln ist, den Leser davon zu überzeugen, dass alles, was er erzählt, stimmt. Und als Leser lassen wir uns auf diesen Pakt ein: Wir wollen ja die Geschichte für wahr halten können. Wenn „Roman“ draufsteht, darf ich als Autor Schabernack treiben und die extremsten erzählerischen Volten schlagen; bei „Meine Schreibmaschine und ich“ aber handelt es sich um Vorlesungen, die ich gehalten habe. Davon kann ich mich nicht lossprechen, dafür bin ich verantwortlich.

Dann gehen Sie ja sehr ehrlich mit sich selbst um?

Im Buch steht oder sollte es zumindest: Ehrlichkeit ist die Grundtugend des Erzählers. Die Selbstverliebtheit und die Unfähigkeit zur Selbstironie vieler kultureller Protagonisten sind mir ein Gräuel.

In Ihrem ersten Roman, „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“, haben Sie, weil Sie Sorge hatten, dem realen Vorbild Karl Schlechter nicht gerecht zu werden, einen anderen Namen verwendet. So hätten Sie auch bei „Das bin doch ich“ vorgehen können. Dann wäre jede Verwechslung ausgeschlossen.

Aber dann hätte das Spiel nicht funktioniert. Die Idee war: Ich greife jede erdenkliche negative Seite von mir auf, blase sie auf – und alles, was an Zurechnungsfähigkeiten existiert, lasse ich unter den Tisch fallen, sodass ein Zerrbild einer bzw. meiner Persönlichkeit entsteht. Es ging mir um diese Grenze zwischen Fiktion und Realität. Es ging mir auch um die Neugier des Publikums, die nicht bedient wird. Die Menschen glauben vielleicht, dass ihre Neugier bedient wird, aber das stimmt eben nicht. Mir war beim Schreiben klar, dass das, was ich da tue, nicht ganz korrekt mir gegenüber ist, also gegenüber dem Menschen hinter dem Erzähler. Aber mir gegenüber darf ich ja unseriös sein. Und es hat großen Spaß gemacht, eine Anti-Biografie eines Schriftstellers zu schreiben.

Hat nur die fiktive Figur des Thomas Glavinic Neid auf den enormen Erfolg von Daniel Kehlmann – oder auch der wirkliche Autor?

Natürlich habe ich Daniel Kehlmann beneidet – und ich beneide ihn auch heute noch dafür, dass er zweieinhalb Millionen Bücher von „Die Vermessung der Welt“ allein im deutschsprachigen Raum verkauft hat. Aber er war und er ist mein Freund. Und ich habe ihm keinen einzigen Euro oder kein einziges verkauftes Buch missgönnt. Das ist der Unterschied zwischen Neid und Missgunst, den so viele nicht verstehen wollen. Es gibt natürlich Rivalitäten unter Künstlern. Ich glaube, dass die meisten damit weniger ehrlich umgehen als Daniel Kehlmann und ich in der Realität.

Sie haben aber schon den Ehrgeiz, „Weltliteratur“ schreiben zu wollen.

Den Traum, den Wunsch hatte ich immer schon, seit ich 19 war. Aber dann kommen mir meine Selbstzweifel in die Quere, die immer schon sehr stark waren und immer stärker werden, je älter ich werde. Ich halte auch das, was ich schreibe, für nicht glatt genug, um eine wirklich breite Aufmerksamkeit zu erzielen. Meine Romane mögen sich leichtfüßig lesen lassen, aber keiner ist diese angenehme Lektüre, die ein richtig großer Bestseller sein muss. Bisher wurde jedes meiner Bücher kontroversiell aufgenommen.

Ihr letzter Roman, „Das größere Wunder“, wurde sehr positiv rezensiert.

Auch da gab es aggressiv-negative Stimmen. Ich verstehe im Übrigen nicht, warum man Kunst mit einer quasireligiösen Wut gegenübertreten muss: Wenn A einen Autor oder Künstler schätzt, den B nicht mag, geht es gleich ums Ganze, da geht es ums Leben, da beschimpfen sich die Leute. Entschuldigung? Wir reden über Literatur! Ich liebe Literatur, ich liebe Kunst, aber bei uns geht es doch nicht um Leben oder Tod! Da muss man nicht derart über Leute herfallen, die einen bestimmten Schriftsteller mögen.

Wie kam es zum Wunsch, ein berühmter Schriftsteller werden zu wollen?

Um Berühmtheit ging es mir nie, um gut werden ging es mir. Mit etwa elf habe ich ein Filmdrehbuch geschrieben. Es hatte 50 oder 60 Seiten. Das finde ich im Nachhinein interessant, denn so viel Energie steckt man in diesem Alter normalerweise nicht in ein solches Projekt. Ich scheine eben doch recht früh Schriftsteller gewesen zu sein. Das klingt jetzt sehr großspurig. Aber so war es: Schreiben, das war ich, und vermutlich hatte ich mehr Begabung dafür als andere. Und wenn nicht Begabung, so hatte ich zumindest Ausdauer – was zur Begabung dazugehört. Die unendliche, überwältigende Faszination des Schreibens, der Fiktionalität: Die war für mich immer da.

Sie mussten Taxi fahren, um nebenbei schreiben zu können.

Nicht nebenbei. Ich habe das Schreiben immer als meinen Hauptberuf gesehen. Mit 17 oder 18 schrieb ich meinen ersten Roman. Nach zwei, drei Monaten merkte ich, dass das nicht der große Wurf war. Ich warf den Roman weg und begann sogleich den nächsten. So ging das über Jahre. Ich musste natürlich Geld verdienen, ich war daher zwei Jahre Taxifahrer. Das war noch in Graz. Und dann arbeitete ich als Werbetexter. Ich war zwar ein relativ mieser Werbetexter, aber für das, was gefordert wurde, hat sogar meine bescheidene Begabung gereicht.

Sie schrieben Tausende Seiten. Haben Sie wirklich alles weggeschmissen?

Ich habe immer in kleinen Wohnungen gelebt. Es wäre sich vom Platz her gar nicht ausgegangen, diese Kunstversuche aufzuheben. Ich habe sie allerdings auch aus Scham weggeworfen. Mir ist stets relativ schnell klar geworden, dass das, was ich da fabriziert habe, grauenvoll ist, oder zumindest nicht das, was es sein sollte. Vereinzelt muss es noch ehemalige Freundinnen geben, die diese Absurditäten aufgehoben haben. Ich hoffe jedoch inständig, dass diese Texte nie mehr auftauchen.

Im Selbstzweifel haben Sie Ihre Literaturpäpste beziehungsweise Ihnen bekannte Schriftsteller um Tipps gebeten.

Das mit den Literaturpäpsten stimmt schon: Ja, diese Schriftsteller galten für mich als sehr entscheidende Figuren der deutschsprachigen Literatur. Ich bin erst Jahre später draufgekommen, dass sie doch nicht ganz die Bedeutung hatten, die ihnen in Graz beigemessen worden war.

Wen konkret haben Sie angeschrieben? Alfred Kolleritsch, den Herausgeber der Literaturzeitschrift „manuskripte“?

Ich will keine Namen nennen. Aber ich verstehe, dass sie mir nicht geantwortet haben. Denn das, was ich ihnen schickte, muss auf sie durchschnittlich talentiert gewirkt haben.

Einer aber antworte Ihnen.

Ja, Wilhelm Muster. Den kennen heute leider nur noch wenige. Ich fand seine Bücher damals sehr interessant. Beim Gespräch hat er sehr einschüchternd auf mich gewirkt. Ich war vielleicht 20, und er war doch etwas ungehalten.

Er riet Ihnen, über das zu schreiben, wo Sie sich auskennen, eben das Taxifahren.

Womit er ja nicht Unrecht hatte. Das machen, glaube ich, so einige Schriftsteller falsch. Sie schreiben nicht über das, was sie kennen, was sie ausmacht und was sie sind. Ich war vielleicht kein Taxifahrer, aber ich war einmal, in der Schulzeit, ein Schachspieler. Irgendwann kam mir die Erkenntnis, dass ich über das Schachspielen schreiben sollte. Was ist ein Schachspieler? Ein Mensch, der ziemlich viel Zeit allein zubringt – allein mit abstrakten Gedanken – und der viel vom Leben von sich wegschiebt. Schachspieler sind recht eigene Charaktere. In einen Schachspieler konnte ich mich hineinfühlen.

Hat ein Roman nicht auch Ähnlichkeiten mit einem Schachspiel? Man muss ja mehrere Züge vorausdenken.

Schachspielen ist aber etwas sehr Abstraktes – und ein Roman etwas sehr Konkretes.

Gibt es nicht auch eine Strategie?

Nein, es gibt nur einen Romanbogen. Und innerhalb dieses Bogens kann alles passieren. Wenn ich einen Roman schreibe, kenne ich jede wichtige Figur einigermaßen gut. Ich weiß auch ziemlich genau, was bis Seite 80 passieren wird. Und beim Schreiben stirbt mir dann doch Onkel Hannes auf Seite 20 weg, der eigentlich eine wesentliche Figur sein sollte. Und ich weiß nicht wieso. Er entscheidet sich plötzlich, sein fiktives Leben zu verlassen. Ich merke aber, dass es stimmig ist. Ich merke daran, dass der Roman sein Eigenleben begonnen hat. Ich habe etwas in Gang gesetzt, das ursächlich mit mir und meinen Erfahrungen der Welt zu tun hat, aber trotzdem bin das nicht nur ich. Da ist noch etwas anderes. Und das ist etwas Faszinierendes: Ich werde nie verstehen, was da passiert. Ein Schachspiel halte ich dagegen bei aller Schönheit für etwas bodenlos Profanes. Schach ist ein Spiel. Ein Roman ist alles.

„Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ blieb Ihr einziger Roman, der nicht in der Gegenwart spielt. Weil die Recherche zu aufwändig war?

Ja. Die Recherchen haben mich tatsächlich ein Jahr gekostet. Es war eine unglaubliche Mühe. Es gibt Leute, die sich in diese Recherchen reinbeißen können. Ich hingegen verabscheue eine solche Art von Anstrengung. Ich bin nicht geschaffen für Recherchen in Bibliotheken. Aber auch „Das größere Wunder“ hat viel Recherche bedurft. Da ging es allerdings nicht um eine bestimmte Epoche, sondern um Geografie, um die Welt, um Stimmungen von Orten, die ich noch nicht kannte. Mir war klar, dass ich noch einiges mehr sehen müsste von der Welt, um diesen Roman schreiben zu können. Ich habe eigens ein Flugangstseminar gemacht und die meisten Einladungen zu Lesereisen ins Ausland angenommen. Je weiter weg, desto besser. Japan und so. Ich habe aber natürlich auch einige Reisen auf eigene Faust unternommen. Ich war zum Beispiel zehn Tage in Havanna, weil ich dachte, dass ich die Stadt unbedingt für „Das größere Wunder“ brauche. Im Buch aber gibt es nur eine Seite darüber. Wieder ein Beispiel dafür ist, wie wenig vorhersehbar ein Roman ist. Der Roman hat auf Havanna verzichtet, und reinpressen wollte ich diese Stadt nicht.

Sie beschreiben aber minutiös eine Himalaya-Expedition, obwohl Sie nie an einer solchen teilgenommen haben.

Ich würde es gar nicht ins Basislager schaffen, ich würde auf dem Weg dorthin sterben! Ich hasse ja schon einen kurzen Spaziergang, das ist etwas so Inhaltsloses, ich sehe sowieso nicht, was rund um mich vorgeht, ich habe mit dem Theater in meinem Kopf genug zu tun. Aber mich hat bereits als Kind fasziniert, dass es Leute gibt, die solche Strapazen auf sich nehmen. Seit meiner Jugend habe ich jedes Buch über Höhenbergsteigen gelesen, das mir in die Hände gekommen ist.

Interessanterweise beschreiben Sie das Basislager derart plastisch, dass man meint, Sie müssten dort gewesen sein.

Das war auch die Absicht. Denn die meisten Sachbücher über den Everest sind so geschrieben, dass man sich nicht wirklich vorstellen kann, wie es im Basislager zugeht oder auch nur aussieht. Bergsteiger sind vielleicht begabte Schreiber, aber sie wissen in der Regel nicht, was man machen muss, um in den Köpfen der Leser ein Bild entstehen zu lassen. Ich wollte zeigen, was dieses Basislager ist.

Stimmen Ihre Beschreibungen dann überhaupt mit der Realität überein?

Da bin ich mir mittlerweile ziemlich sicher. Das haben mir viele Bergsteiger und auch Everest-Besteiger bestätigt. Das war mein erklärtes Ziel: keinen sachlichen Fehler zu machen.

Es gibt zwei parallel geführte Erzählstränge: Sie verzahnen den Bericht über die Everest-Expedition, an der Ihr Held Jonas teilnimmt, mit dessen irrwitzigen Biografie. Da geht manchmal fast die Fantasie mit Ihnen durch.

Falsch: Ich lasse sie mit mir durchgehen. Es war so gedacht, dass die Biografie von Jonas sehr opulent werden sollte.

Manche Episoden sind nur dann glaubwürdig, wenn man als Leser guten Willen mitbringt. Jonas ist unermesslich reich, er geht die größten Risiken ein – und er kann sogar Gedanken lesen.

Das mit der Glaubwürdigkeit ist das so eine Sache. Sie hängt mit dem Erfahrungshintergrund und der Weltkenntnis des Lesers zusammen. Man würde nicht glauben, was alles möglich ist. Es passieren ständig Dinge, die wir uns nicht vorstellen können, weil wir nicht die Möglichkeit haben, sie zu erleben. Eben weil wir zum Beispiel nicht so reich sind.

Haben Sie sich nicht die Frage gestellt: Wann steigt mir der Leser aus, weil die Geschichten zu absurd werden?

Die Frage setzt voraus, dass ich an den Leser denke. Aber er ist mir im Grunde egal. Ich denke doch nicht daran, was jemand wie auffassen könnte. Ich schreibe die Geschichte in erster Linie für mich. An den Leser darf ich gar denken. Denn wenn ich das täte, bestünde die Gefahr, dass ich opportunistisch werde. Ich will ja nicht dem Leser gefallen, sondern eine Geschichte schreiben, die für mich stimmig ist. Ich gebe zu, dass manches vielleicht nicht sehr realistisch ist; aber alles, was ich schreibe, ist möglich. Und was ist Realismus überhaupt, bitte?

Sie denken sehr wohl an den Leser. Denn Sie legen bewusst Fallen aus und operieren mit doppelten Böden.

Das stimmt. Aber die Geschichte, die ich erzählen möchte, und die Art und Weise, wie ich sie erzählen möchte, sind zwei verschiedene Dinge. Wichtiger ist mir die Geschichte. Ich muss dazu die richtige Form, den richtigen Duktus finden, aber ich denke dabei nicht an den Leser. Ich würde das Buch genauso schreiben, wenn ich wüsste, dass es nie jemand lesen wird. Eben, weil ich es schöner finde, wenn es zum Beispiel versteckte Hinweise gibt. Also: Ich stelle mir niemanden vor, für den ich Fallen auslege, aber ich freue mich enorm, wenn ich von einem Leser erfahre, dass die Falle funktioniert hat.

Gerade bei „Das größere Wunder“ setzen Sie gerne Cliffhanger ein: Sie zwingen einen dazu weiterzulesen.

Ich will ja nicht, dass mir ein Mensch, der mir und meinem Buch seine Zeit schenkt, grollt, weil ihn das, was ich ihm vorsetze, unerträglich langweilt. Ich muss ihm etwas geben. Und das gebe ich mir auch. Denn mir macht es ja Spaß, eine Szene abzuschneiden, um die Spannung zu halten. Weil ich oft genug beim Schreiben nicht weiß, wie es weitergehen wird.

„Das größere Wunder“ ist bereits der dritte Roman, in dem der Held Jonas heißt. Und dessen Geliebte heißt immer Marie.

Die drei Romane handeln von denselben Persönlichkeiten, sie haben nur unterschiedliche Biografien.

Warum der biblische Name Jonas? Er tauchte das erste Mal 2006 in „Die Arbeit der Nacht“ auf.

Es ging um einen Mann, der feststellen muss, der letzte Mensch auf Erden zu sein. Es war nicht einfach, einen passenden Namen für ihn zu finden. Man hat eine gewisse Verantwortung einer solchen Figur gegenüber, die kann man nicht eben Franzi nennen, das wäre absurd. Ich überlegte mir, den Namen mit „Z“ beginnen zu lassen, verwarf die Idee aber relativ rasch wegen Blödheit. Schließlich kam ich auf Jonas. Es gab zwei Gründe, eben den biblischen Hintergrund mit Jonas und dem Wal, außerdem reimt sich Jonas auf Thomas. Manche Texte funktionieren erst dann, wenn man den richtigen Namen für die wichtigste Figur hat. Das war hier der Fall. Als ich diesen Namen gefunden hatte, schrieb sich „Die Arbeit der Nacht“ auch ganz anders.

Zusammen mit „Die Arbeit der Nacht“ und „Das Leben der Wünsche“ bildet „Das größere Wunder“ angeblich eine Trilogie.

Nein, das Thema Jonas ist, glaube ich, noch nicht abgeschlossen. Ich habe schon eine Idee, aber das wird erst mein übernächstes Buch.

Warum?

Weil ich schon weiß, was mein nächstes Buch wird. Die ersten 30 Seiten habe ich im Kopf. Aber ich schreibe es noch nicht. Ich finde, ich sollte noch warten.

Sie reizen das Nichtstun so lange aus, bis der Drang zum Schreiben zu groß ist?

Genau. Ein ausgeschriebener Autor ist zu satt. Ich muss existenziell gierig darauf sein, einen Text zu schreiben. Ich muss große Gier auf den Text verspüren. Er muss sich mit mir verbunden haben.

Und dann schreiben Sie die erste und die zweite Fassung im Zweifingersystem auf einer mechanischen Olivetti „lettera 32“. Hin und wieder müssen Sie das Farbband zurückspulen. Das soll, so schreiben Sie, auf Beobachter einen „höchst beunruhigenden Eindruck“ machen.

Schon das Einfädeln des Farbbandes ist mit meinen Würstelfingern fast nicht möglich. Und dann bleibt plötzlich etwas stecken. Da werde ich unglaublich sauer. Das sind Phasen, in denen ich eine gewisse Aggression aufbaue. Aber das ist vielleicht für die Texte ganz gut.

Sind das auch die Phasen, in denen Sie unleidlich sind?

Ich bin eigentlich immer unleidlich. Aber ich lasse es nicht immer nach außen dringen. Ich muss ja nicht andere Leute damit behelligen, dass es für mich mit mir schwierig ist, und habe Strategien erlernt, um anderen Menschen nicht zu sehr mit meinen Neurosen und meinem Selbsthass auf die Nerven zu gehen. Aber wenn Leute, mit denen ich zu tun habe, ihren Job nicht beherrschen, dann muss man das doch auch sagen dürfen. Diese Unfähigkeit zu einem kritischen Austausch ist etwas, das mich wahnsinnig macht. Und dann heißt es, dass ich schwierig bin.

Ich kann mir vorstellen, dass manche sich schwer tun, Sie zu interviewen.

Haben Sie das Gefühl, das ich bei diesem Interview schwierig bin?

Nein, gar nicht. Aber der letzte Teil von „Mein Schreibmaschine und ich“ ist ein fiktives Interview, in dem Sie einen Journalisten der Lächerlichkeit preisgeben.

Dieses Interview hat zwar nicht stattgefunden, aber so fiktiv ist es nicht. Ich begegne auf Lesereisen immer wieder solchen Leuten. Ich bemühe mich ja dennoch, höflich zu sein.

Gegenüber diesem Journalisten erwähnen Sie den sonderbaren Roman „Schaltstellen der Einsamkeit“.

Das ist der katastrophalste Titel, der mir eingefallen ist. Die Einsamkeit hat durchaus viel mit mir zu tun, aber ein musste ein alberner Titel sein. Man darf sich nicht nur über andere lustig machen, man muss sich auch selbst aufs Korn nehmen.  Ich thematisiere ja auch diese furchtbare Selbstüberschätzung, unter der Autoren zuweilen leiden. Ja, ich auch.

Ist Schriftsteller ein besonders einsamer Beruf?

Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Ich habe vor allen Dingen einen Beruf, den ich mir selbst ausgesucht habe. Es gibt viele Menschen, die sich ihren Beruf nicht wirklich ausgesucht haben, sie haben nichts gefunden, was ihrer Persönlichkeit entspricht. Diese Leute haben einen einsamen Beruf. Und damit keinen besonders schönen. Wenn man in einem Betrieb zu fünft arbeiten muss und mit diesen fünf Leuten nicht so wahnsinnig gut kann, wenn man aber nichts anderes erlebt, weil man Dosen sortieren muss, dann ist das einsamer, als wenn man mit sich selbst allein ist. Ich bin selten einsam, ich bin allein. Und das ist sehr angenehm. Denn ich mag mich ganz gern. Manchmal. Jedenfalls komme ich ganz gut mit mir zurecht. Ist halt Gewohnheitssache.

Comments
2 Responses to “Thomas Glavinic: „Ich bin selten einsam, ich bin allein.“”
  1. helmut.wesener@epcos.com' Helmut Wesener sagt:

    Carl Haffners Liebe zum Unentschieden, ein tolles, spannendes Buch, welches in keiner Sammlung eines Schachspielers fehlen darf. Ich habe es auf einen Sitz ausgelesen. Es stört überhaupt nicht, dass der Autor einen Pseudenamen vergeben hat. Man hat von Anfang an Karl Schlechter vor seinem geistigen Auge.

  2. bene@bb.mbn.or.jp' Lisa Wagner sagt:

    ein tolles interview!!!

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