Josef Ostermayer: “Ich kann nicht mehr vergeben, als wir haben”

Kulturminister Josef Ostermayer äußert sich erstmals zur Museumspolitik: Er spricht über die Bundesmuseen, das geplante Haus der Geschichte – und das fehlende Geld. Das Interview erschien im Oktober 2014 in der der Zeitschrift “neues museum“.

Claudia Schmied, Kulturministerin von 2007 bis 2013, ließ über eine Reform der Bundesmuseen nachdenken. Umgesetzt wurde aber eigentlich nichts. Nach wie vor gibt es viele Überschneidungen und Doppelgleisigkeiten. Sehen Sie Handlungsbedarf?

Ich bin erst seit März 2014 offiziell für Kunst und Kultur zuständig. Seitdem war ich vor allem mit den Bundestheatern befasst. Aber ich habe natürlich mit den Direktoren der Bundesmuseen gesprochen. Mein Eindruck ist, dass es im wirtschaftlichen Bereich – zum Beispiel im Kontrollwesen – keine groben Probleme gibt. Damit aber die Zahlen miteinander besser verglichen werden können, überlegen wir, einen gemeinsamen Wirtschaftsprüfer für alle Museen zu bestellen.

Der Grund scheint zu sein, dass einige Museen, darunter das Museum moderner Kunst, in den Bilanzen die Sammlung aktiviert haben.

Die Museen sind ausgegliedert, die Sammlungen gehören dem Staat. Aber wem gehören Schenkungen? Sind sie Eigentum des Museums oder des Staates? Ich bin der Meinung, dass wir möglichst viele Schenkungen bekommen sollen. Wenn jemand sagt, dass er nur zu einer Schenkung an ein bestimmtes Museum bereit ist, dann ist es für mich in Ordnung, dass die Schenkung dem Museum gehört. Es gab darüber intensive Diskussionen. Eines ist klar: In den Bilanzen ist damit rechtlich korrekt umzugehen.

Und wie sieht es mit den Doppelgleisigkeiten aus? Sollen die Profile der einzelnen Museen geschärft werden?

Ich finde es sinnvoll, die Häuser nicht zu sehr einzuschränken. Es ist doch bereichernd, wenn das Kunsthistorische Museum auch Lucian Freud ausstellt oder „Ganymed goes Europe“ macht, also Autoren einlädt, Texte zu Kunstwerken zu schreiben, die dann von Schauspielern vorgetragen werden. Die klassische Kunst in einen Dialog mit aktueller Kunst zu setzen, ist spannend. Allerdings sollten sich die Häuser manchmal untereinander etwas besser darüber koordinieren, wann welche Ausstellungen stattfinden. Die Albertina zeigt im Herbst Joan Miró, das Kunsthistorische Museum zeigt Diego Velázquez – und im Belvedere ist „Im Lichte Monets“ zu sehen. Diese zeitliche Konzentration hat uns eine Diskussion über die Staatshaftung eingebracht.

Der Staat haftet für etwaige Schäden an Leihgaben in der Höhe von einer Milliarde Euro pro Jahr. Mitunter, bei wirklich teuren Ausstellungen wie Van Gogh oder Michelangelo in der Albertina, reichte die Summe nicht aus: Per Gesetz wurde eine temporäre Anhebung des Staatshaftung beschlossen. Wie ist die aktuelle Diskussion ausgegangen?

Ich hätte eine Erhöhung für gut empfunden, leider war dies nicht möglich. Die Staatshaftung wurde nach einem bestimmten Schlüssel auf die drei Museen verteilt. Der Hauptteil geht an das KHM, das wegen Velázquez den größten Bedarf hat.

Die Museen müssen daher Versicherungen für die nicht gedeckten Leihgaben abschließen. Tritt man sich gegenseitig auf die Füße? Oder belebt Konkurrenz das Geschäft?

Ich habe zum Beispiel ein Kombiticket vorgeschlagen. In Madrid kann man mit einem Ticket den Prado, die Reina Sofia und das Museo Thyssen-Bornemisza besuchen. Das fände ich auch für die Bundesmuseen spannend, wirft aber auch viele Fragen auf: Wer darf wieviel von den Erlösen kassieren? Und kann man dadurch zusätzliches Publikum gewinnen? Ich denke, dass diese Idee es wert ist, genau analysiert zu werden. Und das werden wir auch tun.

Zurück zu den Überschneidungen. Eine Grafik von Gustav Klimt könnte von der Albertina, dem Belvedere, dem Mumok oder dem Leopold Museum erworben werden. Ist daran gedacht, die Sammlungsziele zu präzisieren?

Das Leopold Museum ist ein Sonderfall. Es ist eine Privatstiftung und kein Bundesmuseum. Wenn Sie mich fragten, in welche Sammlung eine Grafik von Klimt am besten passen würde: Ich würde die Albertina nennen.

Die Albertina ist schließlich die grafische Sammlung. Aber als Dauerleihgabe sieht man dort die Sammlung Batliner. Sie besteht aus Ölgemälden der Klassischen Moderne – und würde besser ins Mumok passen.

Ich sehe das pragmatisch. Die Frage ist doch: Was gibt insgesamt den größten Nutzen? Herbert Batliner hat die Sammlung nicht einem anderen Museum oder dem Staat geliehen, sondern der Albertina. Die Flexibilität ist daher geradezu ein Vorteil. Die Albertina hat einen Zuwachs – und daher indirekt auch der Staat.

Wie sieht die künftige Finanzierung aus? Nicht nur die Bundestheater, auch die Bundesmuseen beklagen eine Unterdotierung, weil die Budgets in den letzten Jahren kaum angehoben wurden.

Es wäre natürlich sehr angenehm gewesen, wenn ich zu Beginn meiner Funktion als Kunst- und Kulturminister Budgeterhöhungen vornehmen hätte können – bei den Theatern, den Festivals und auch bei den Museen. Aber ich kann nicht mehr vergeben, als wir haben. Wir hatten leider in Österreich ein wesentlich geringeres Wirtschaftswachstum als angenommen. Wir mussten daher bei der Budgeterstellung sehr restriktiv vorgehen. Ich bin dankbar, dass es im Kunst- und Kulturbereich nicht zu Kürzungen kam.

Die Hoffnung auf mehr Geld besteht frühestens 2016.

Ja, da auch das Budget für 2015 beschlossen wurde.

Viele Museen stehen vor Platzproblemen. Und die Erhaltung kostet Geld. Ist der Ansatz, dass die Sammlung und ihre Teile unveräußerlich sind, noch zeitgemäß?

Einen hohen Sammlungsbestand zu haben, sehe ich eigentlich als einen Vorteil. Ich kenne unter den Direktoren niemanden, der sich für Deakzession ausgesprochen hätte. Da es derzeit nicht mehr Budget für Erwerbungen gibt, habe ich ganz unbefangen die Frage in den Raum geworfen, ob es nicht vielleicht sinnvoll wäre, Doubletten zu veräußern. Die Reaktion war fast ein Entsetzen. Man schien überrascht, dass ich die Frage überhaupt gestellt habe. Eine Ausnahme ist das Technische Museum, wo es einen Bestand zu geben scheint, der als nicht sammlungswürdig gilt. Es gibt aber derzeit viele angemietete Depots. Wir werden uns überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, ein gemeinsames Depot für die Kunstmuseen zu errichten.

Muss eigentlich jedes Bundesmuseum in Wien sein?

Diese Frage wird mir immer in den Bundesländern gestellt. Und eine andere lautet: Warum geht so viel Geld aus dem Kulturbudget in die Bundeshauptstadt? Wien war eben die Hauptstadt des Habsburgerreiches, daher wurden in der Gründerzeit und danach viele Museen in Wien errichtet. Wir haben ein wunderbares kulturelles Erbe, das wir für die Nachwelt zu erhalten haben. Meine primäre Aufgabe sind die Einrichtungen, die den Bund gehören. Aber wir unterstützen sehr wohl kulturelle Aktivitäten in den Bundesländern. Und Kulturpolitik ist eben auch Ländersache.

Denkt man über einen österreichweiten Museumsentwicklungsplan nach?

Bundesweit habe ich bisher keine Gespräche geführt. Im Koalitionsabkommen ist aber vorgesehen, dass wir einen Bibliotheksentwicklungsplan erstellen. Josef Winkler, der Vorsitzende des Kunstsenats, kritisiert immer wieder, dass es in Klagenfurt keine Bibliothek gibt. Wir wollen in dieser Legislaturperiode – unter Voraussetzung der budgetären Mittel – ein Bibliotheksgesetz beschließen.

Und wie sieht die Situation in der Hauptstadt aus? Die Bundesmuseen stehen in Konkurrenz zu den Wiener Institutionen und privaten Häusern wie dem Kunstforum.

Mit dem Wiener Kulturstadtrat bin ich regelmäßig in Kontakt, wir reden zum Beispiel über ein Haus der Geschichte. Es gibt derzeit kein Budget dafür. Daher überlegen wir, ob wir in Kooperation mit den Einrichtungen, die es bereits gibt, darunter Nationalbibliothek, Staatsarchiv und Heeresgeschichtliches Museum, eine Vorstufe zu einem Haus der Geschichte entwickeln zu können.

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