Markus Schirmer: „Musik ist eine ewige Beschäftigung“

Der Pianist Markus Schirmer programmiert ab 2015 die „Eggenberger Schlosskonzerte“ in Graz: Er möchte sie zu einem hochkarätigen Festival der Kammermusik machen. Im Interview erklärt er unter anderem, welche Bedeutung die “Mondscheinsonate” für  ihn hat – und warum er am liebsten auf Flügeln der italienischen Manufaktur „Fazioli“ spielt. 

In der Wohnung Deiner Eltern in Graz stand ein Klavier, das Dich magisch anzog: Du sollst mit drei oder vier Jahren begonnen haben, darauf zu klimpern.

Mein Vater war Schauspieler, meine Mutter hatte Gesang studiert. Daher gab es ein Klavier. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Mutter viel darauf gespielt hätte. Aber ich bin immer wieder hingegangen. Ich habe versucht, Musikstücke nachzuspielen. Bei uns zu Hause gab es relativ viele Schallplatten. Ich hörte mir Verschiedenes an: die „Brecht-Songs“ von Gisela May, den „Deutschmeister-Marsch“, ein Tschaikowski-Konzert von Swjatoslaw Richter, Friedrich Gulda mit der „Mondscheinsonate“ von Beethoven und so weiter.

Die „Mondscheinsonate“ begeisterte Dich ganz besonders?

Ja. Alle paar Monate kam mein Onkel, der Bruder meines Vaters, aus Wien zu Besuch. Er setzte sich zum Flügel – und spielte den ersten Satz der „Mondscheinsonate“. Die Ruhe und Gleichmäßigkeit seines Spiels machten einen unglaublichen Eindruck auf mich.

Du hast nach dem Gehör gespielt?

Das ging natürlich nicht, aber ich hab’ es probiert. Das fiel meiner Mutter auf. Als ich sechs war, stellte sie mich einer Lehrerin in der Musikakademie vor. Die Lehrerin fragte mich, was ich vorspielen möchte. Und ich sagte: „Die Mondscheinsonate.“ Ich spielte irgendetwas, das so ähnlich geklungen haben muss. Sie sagte: „Der ist begabt!“ Und nahm mich auf. Bis ich die „Mondscheinsonate“ wirklich spielen konnte, brauchte es aber noch viele Jahre. Zunächst hatte ich kleine Stücke zu spielen, die Klavierschule von Ferdinand Beyer und die Dichler-Übungen. Das wird heute gar nicht mehr unterrichtet.

Die vielen Fingerübungen haben Dich nicht abgeschreckt?

Nein, ich habe fleißig geübt. Mit der Zeit hatte ich immer mehr Spaß und Freude. Es kribbelte. Die Stücke wurden größer, schwieriger, interessanter. Und so ging es weiter.

Popmusik zu machen, interessierte Dich nicht?

Ich hab’ ohnedies die Beatles und all die Hits nachgespielt, darunter Boney M. und Abba, später improvisierte ich zu den Nummern. Aber das Hauptaugenmerk lag immer auf der Klassik. Da musste man natürlich zehn- oder zwanzigmal so viel üben. Das nahm schon den Großteil meiner Freizeit in Anspruch. In der Schule galt ich daher ein bisschen als Spinner. Aber wenn ich mich ans Klavier gesetzt hab’, waren alle voll Bewunderung.

War Dir schon in der Schulzeit klar, dass Klavierspielen Dein Beruf werden würde?

Wenn Du bei „Jugend musiziert“ und bei ersten, kleinen Wettbewerben gewinnst: Das motiviert! Der Weg war daher vorbestimmt. Natürlich war ich manchmal „angezipft“, wenn ich üben musste und lieber etwas ganz anderes getan hätte, aber ich war nie so rebellisch, dass ich mich verweigert hätte. Und dann gab es wieder ein gutes Konzert oder einen Preis, den man gewonnen hat. So ging es weiter. Man lernt und lernt, man beobachtet sein Umfeld, man kann sich etwas anders nicht mehr vorstellen. Man ist einfach in dieser Welt der Musik.

Du hast in Graz studiert und bei Doris Wolf das Diplom gemacht. Wer waren Deine wichtigsten Lehrer?

Ich nahm unter anderem bei Paul Badura-Skoda, einem Grandseigneur in Wien, Privatunterricht. Zudem studierte ich ein Jahr bei Karl-Heinz Kämmerling in Hannover, er war sehr strikt, ein großer Kopfmensch. Mein wichtigster Lehrer war Rudolf Kehrer, ein Deutschrusse. Er war grandios. Kehrer sagte so unglaublich richtige, selbstverständliche Dinge – zum Beispiel über das Wesen der Synkope, über den Atem in der Musik und über die Pausen, die genauso wichtig sind wie die Noten. Sie sind nicht irgendwelche Löcher! Man muss sie wirklich fühlen, um dann eine nächste Phrase bilden zu können. Ich habe bei Kehrer auch einen Kurs auf Zypern besucht. Dort hatte ich ein Aha-Erlebnis: Ich verstand zum ersten Mal die Musik. Und man lernt auch sehr viel bei der Kammermusik. Denn du musst immer auf die anderen hören, du darfst niemanden zudecken. Du musst das, was du machst, in ein Verhältnis zu dem setzen, was die anderen machen.

Gab es während Deiner Ausbildung auch taktische Überlegungen? Etwa, wie man klingen muss, um sich von anderen Pianisten im Klang abzugrenzen?

Nein. Kehrer hat von uns Studenten eine bedingungslose Hingabe an den Notentext gefordert. Wenn man alles, was im Text steht, klanglich beachtet, dann entwickelt man schon einen eigenen Klang. Denn man lebt die Musik, die Phrasen, die Kantilenen. Ein eigener Klang entwickelt sich im Laufe der Jahre. Ich bemühe mich um einen schönen Klang. Er kann sehr voll sein, auch sehr subtil. Aber es geht nicht so sehr darum, was ich möchte, sondern um das, was in der Partitur steht. Das ist wichtig! Und das versuche ich auch meinen Studenten an der Grazer Kunstuniversität weiterzugeben. Meine Klasse ist aufgrund meiner Konzerttätigkeit zwar nicht sehr groß, aber etliche meiner Studierenden gingen bereits als Preisträger bei internationalen Klavierwettbewerben hervor.

Will nicht jeder Musiker die Vorgaben beachten?

Heutzutage leider oft nicht mehr. Ich glaube auch zu wissen warum: Das ist ganz und gar nicht einfach! Man kann gar nicht alle Vorgaben erfüllen. Denn es steht so vieles im Text. Es kann sein, dass man in einer Beethoven-Sonate fünf Jahre, nachdem man sie sich erarbeitet hat, wieder etwas entdeckt: eine Ligatur, eine kleine Pause, einen Akzent, eine dynamische Vorschrift. Niemand spielt perfekt, nicht einmal die berühmtesten Kolleginnen und Kollegen! Ein Stück gegen den Strich zu bürsten, ist keine Kunst. Aber alles zu befolgen, alle Phrasen und Bögelchen, und das Stück trotzdem so im Fluss zu spielen, dass es nicht akribisch oder schulmeisterlich klingt, sondern empfunden und gefühlt: Das ist schwierig! Wichtig ist auch: Man soll sich nicht an anderen Interpretationen orientieren, man soll nichts unkritisch übernehmen. Denn das ist wie die „stille Post“: Zum Schluss kommt ein Blödsinn heraus.

Wenn man nicht alles entdecken kann, kann man auch nichts abschließen.

Das stimmt. Man ist nie am Ziel. Musik ist daher eine ewige Beschäftigung. Und das ist einfach herrlich. Mein Leben ist hoffentlich lang.

Hat man aber nicht auch Freiräume, weil es keine exakten Vorgaben hinsichtlich des Tempos gibt?

Bei der g-Moll-Sonate von Schumann heißt es: „So schnell wie möglich.“ Und dann heißt es: „Noch schneller.“ Gerne! Aber wenn ich das Stück nur durchjage, werde ich nichts erreichen. Es muss noch verständlich sein. Natürlich hat man einen Spielraum. Wie auf der Autobahn: Es ist mir überlassen, ob ich 100 oder 130 fahre. Aber ich darf nicht unendlich langsam fahren, denn sonst behindere ich den Verkehr. Es muss im Fluss sein.

Du hast in einem Interview das Wort „trainieren“ verwendet. Als sei Klavierspielen eine Art Hochleistungssport.

Das stimmt auch. Wenn ich mich auf ein Konzert vorbereite, sitze ich täglich locker acht Stunden am Klavier. Ich muss zudem immer im Training bleiben. Wenn man zwei Wochen Urlaub macht, merkt man das danach einfach in der Feinmotorik.

Die Folge sind Entbehrungen?

Ja. Aber die Klausurphasen sind sehr lohnend und schön: Du beschäftigst Dich mit der Materie, du bist komplett drinnen. Man verzettelt sich nicht.

Du gibst nur etwa 50 Konzerte pro Jahr. Warum?

Lang Lang spielt sicher doppelt so viele Konzerte. Mir ist es aber wichtig, nicht in ein Hamsterrad zu kommen. Ich möchte das, was ich mache, wirklich gut machen. Und dafür braucht es eben eine sehr intensive Beschäftigung.

Du spielst bei einem Soloabend alle Stücke aus dem Gedächtnis. Wie fühlt man sich auf der Bühne?

Etwas einsam. Aber das hat schon Martha Argerich festgestellt. Mit Orchester ist es sehr fein. Ein tolles und prägendes Erlebnis waren die Konzerte mit den Wiener Philharmonikern unter Valery Gergiev. Er führt großartig.

Wenn man sich die CD-Veröffentlichungen anschaut: Deine Lieblingskomponisten sind Beethoven, Schubert und Mozart?

Kann ich so nicht sagen. Schubert ist mir persönlich sehr nahe. Aber wer ist besser: Goethe oder Grillparzer? Kompositionen zu erarbeiten: Das macht mir am meisten Spaß. Egal, von wem sie sind. Ich hätte gerne acht Leben, um all das spielen zu können, was mir Freude macht. Da das nicht geht, gibt es eben eine Selektion. Zum Beispiel, weil die Veranstalter bestimmte Wünsche haben.

Du spielst unter anderem Olivier Messiaen, Arvo Prät und Benjamin Britten. Die Zwölftonmusik liegt Dir aber weniger?

Ich hab einiges gemacht, darunter Klavierstücke von Hans Erich Apostel, aber die Zwölftonmusik ist nicht vorrangig in meinem Repertoire. Ich habe auch keinen großen Zugang zu Komponisten, die eher auf Klangerzeugung und Geräusche setzen, also zu diesen sehr experimentellen Sachen. Da fehlt mir oft die musikalische Idee. Kompositionen können durchaus atonal sein, aber sie sollten, um mich zu interessieren, eine Melodie zumindest im Ansatz zulassen. Ich würde gerne Lera Auerbach spielen. Und Alfred Schnittke! Seine großartigen Kompositionen scheinen etwas in Vergessenheit zu geraten. Das finde ich schade.

Damit Du Dir Deine Wünsche erfüllen kannst: Hättest Du gerne ein eigenes Festival?

Ich programmiere ab 2015 die „Eggenberger Schlosskonzerte“ in Graz. Ich möchte sie zu einem hochkarätigen Festival machen. Statt einer Serie mit einem Konzert pro Woche wird es eine Woche lang konzentriert feine Kammermusik geben.

Nebenbei verfolgst Du das Weltmusikprojekt „Scurdia“. Ist es ein Ausgleich? Eine Ergänzung? Eine weitere Dimension?

Das ist schön: Eine weitere Dimension! Ich habe mich immer für alles Mögliche interessiert, auch für Jazz, und ich bin schon früh mit Leuten zusammengekommen, die Pop auf hohem Niveau gemacht haben. Für die Sängerin Sandra Pires zum Beispiel schrieb ich vor vielen Jahren ein paar Lieder. „Scurdia“ lag für mich auf der Hand. 1981 kam der Oud-Spieler Risgar Koshnaw als Flüchtling vor Haddam Hussein nach Graz. Er studierte hier Komposition, so haben wir uns kennengelernt. Eines Tages – so um 1995 – sagte er: „Markus, Du improvisierst doch so gerne. Es gibt einen kurdischen Abend, ich spiele mit meiner Band. Komm und spiel mit uns!“ Schon damals haben Musiker wie Ismael Barrios und Arnoldo Moreno mitgespielt, die aus aller Welt kamen, um in Graz Musik zu studieren: aus Venezuela, Armenien, der Türkei und so weiter. Ich sagte: „Risgar, was wäre, wenn wir noch viel mehr Musiker dazuholen würden?“ Und so hat sich langsam „Scurdia“ entwickelt. Jeder der Mitwirkenden hat einen anderen Background: Der eine kommt von der Volksmusik, der andere vom Jazz. Einer gibt eine Grundidee vor, die anderen reagieren darauf, und daraus entsteht etwas. „Scurdia“ ist inzwischen ein großes und sehr erfolgreiches Projekt geworden. Es macht mir viel Spaß.

Website: www.markusschirmer.at

 

 

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