Peter Baum: “Wir verspürten einen Aufwind”

Arnulf Rainer wurde kürzlich, am 8. Dezember 2014, 85 Jahre alt. Die Galerie Ulysses zeigt aus diesem Anlass derzeit auch Porträts, die der Kunstkritiker, Fotograf und langjährige Museumsdirektor Peter Baum im letzten halben Jahrhundert von Arnulf Rainer schoss. Am 12. Juni 2014 führte ich mit Baum ein Interview – über die Wiener Kunstszene in den 1960er-Jahren und die Anfangsjahre des 21er-Hauses als Museum des 20. Jahrhunderts. Eine stark gekürzte Fassung erschien auf einer Belvedere-Spezialseite im Standard. Hier nun das gesamte Interview. –

Von 1974 bis 2004 waren Sie Direktor der Neuen Galerie in Linz, die 2003 zum Lentos wurde. Davor arbeiteten Sie zwölf Jahre als Kunstkritiker in Wien. Wie kam es dazu?

Im Sommer 1961, mit 22 Jahren, schrieb ich meine Gedanken zur Kunst der Gegenwart nieder. Das war ein Aufsatz mit etwa 30 Seiten, den ich hektografierte. Über Umwege bekam Kristian Sotriffer ein Exemplar in die Hand. Weil er 1962 von den „Oberösterreichischen Nachrichten“ zur „Presse“ wechselte, schlug er mich als Nachfolger vor. Ich fuhr nach Linz, stellte mich vor – und konnte gleich beginnen. Ich wurde wirklich von heute auf morgen Kunstkritiker.

Die Kunstszene soll damals eher trist gewesen sein.

Es gab Nachholbedarf. 1962 kam aber zu den wenigen bestehenden Avantgarde-Galerien, darunter die Galerie nächst St. Stephan, die Galerie im Griechenbeisl hinzu. Auch die Galerie Würthle und die Secession zeigten immer wieder Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst. Wir verspürten einen Aufwind. Und Werner Hofmann begann als Direktor des 20er-Hauses Defizite abzudecken. Der Kreis derjenigen, die sich der Avantgarde zugehörig fühlten, wurde langsam größer.

1959 war Hofmann mit dem Aufbau einer Sammlung zeitgenössischer Kunst beauftragt worden. Sie sollte im Österreich-Pavillon der Weltausstellung 1958 untergebracht werden, für den man eine Nachnutzung suchte. Können Sie sich daran noch erinnern?

Die Entstehungsgeschichte habe ich nur am Rande mitbekommen. Der Pavillon von Karl Schwanzer, eine Stahlkonstruktion, wurde in Linz von der Voest gebaut. Nach der Weltausstellung wurde daher zunächst die Stadt Linz gefragt, ob sie den Pavillon nicht für ein Museum an der Donau wolle. Linz hat aber abgelehnt. Später bedauerten viele die Entscheidung. Ich hingegen sage: Gott sei Dank wurde der Pavillon nicht in Linz aufgestellt. Denn sonst wäre das Lentos nie errichtet worden.

Hofmann klagte schon damals: „Die Meisterwerke sind rar und vielfach unbezahlbar geworden.“ Es war fast nicht möglich, eine solide Sammlung zusammenzustellen.

Ein kubistischer Picasso, ein Klee oder Kandinsky waren schon damals sehr teuer, aber vergleichsweise noch leicht zu bekommen. Hofmann hatte für die Ankäufe insgesamt vier Millionen Schilling. Er erwarb z.B. eine große Figur von Alberto Giacometti, die heute einen Wert von 30 Millionen Euro hat. Hofmann verstand es, relativ preiswert interessante avantgardistische Arbeiten zu kaufen, die im Handel nicht so begehrt waren. Er hat eine sehr gute Arbeit geleistet.

Das Museum des 20. Jahrhundert wurde im September 1962 eröffnet. Waren Sie dabei?

Ja. Und ab der zweiten Ausstellung schrieb ich Kritiken. Das 20er-Haus war für mich eine Art Heimat – auch deshalb, weil ich in der Nähe des Schweizergartens, im vierten Bezirk, wohnte. Ich ging häufig hin. Die Ausstellungen hatten einen hohen Anspruch. Hofmann zeigte Antoni Tàpies, Ernst Wilhelm Nay, Fernand Léger und so weiter – fast ein Who-is-who der damals abgesegneten Avantgarde. Er war ein etwas unnahbarer Mensch, er war unbestechlich, mit niemandem verhabert. Das war gut. Aber er zeigte auch die österreichischen Künstler, die er für wichtig hielt, in großen Einzelausstellungen, darunter Walter Pichler, Arnulf Rainer, Rudolf Hoflehner und Andreas Urteil.

Sie begannen dann auch die Ausstellungen und die Künstler zu fotografieren.

Aber zunächst nicht für Zeitungen. Das Bewusstsein, dass zu einer Kunstkritik ein Bild gehört, hat sich erst langsam entwickelt. Das Fotografieren war damals sehr aufwändig. Ich habe die Filme am Abend im verdunkelten Badezimmer ausgearbeitet. Es gab ja kein Fax oder Mail, aber wenn man den Brief mit Text und Foto um spätestens 21 Uhr in den Postkasten warf, war er verlässlich am nächsten Vormittag in der Redaktion in Linz.

Da es Nachholbedarf gab: Waren die Besucherzahlen größer als heute?

Nein. Kaum eine Ausstellung hatte mehr als 10.000 Besucher. Die Laufzeiten waren aber etwas kürzer. Die bestbesuchte Ausstellung zu Hofmanns Zeiten war Paul Klee mit 14.000 Besuchern, die schlechtestbesuchte, wenn ich mich recht erinnere, der Schweizer Bildhauer Robert Müller mit 700 Besuchern.

1969 übernahm Alfred Schmeller die Direktion. Verfolgte er andere Ziele?

Schmeller hatte eine andere Auffassung. Er öffnete das Haus, es gab nun auch Jazzkonzerte und Lesungen. Das hing aber mit der pluralistischen Ausweitung der Kunsttendenzen zusammen.

Er lud 1970 die progressive Gruppe Haus-Rucker-Co ein.

Die Ausstellung hieß „Live“. Haus-Rucker-Co baute eine Spielwiese mit einer riesigen Luftmatratze auf, die an einen Boxring erinnerte. Man konnte hineinklettern und Bälle herumbugsieren. Die Installation wurde mit dem Slogan beworben: „Der Prater ist geschlossen. Kommen Sie ins Museum!“ Die Rechnung ist aufgegangen. Die Ausstellung war aber nicht nur eine Hetz, sie hatte schon einen Hintergrund, die soziale Plastik.

Es gab ein ziemliches Kontrastprogramm: einerseits Roland Goeschl – und andererseits Friedensreich Hundertwasser.

Die erste Hundertwasser-Ausstellung war noch unter Hofmann. Aber es stimmt, es gab die zwei großen stilistischen Lager: den abstrakten Flügel, der seine Heimat in der Galerie nächst St. Stephan und im Griechenbeisl hatte, und die Wiener Schule des phantastischen Realismus. Diese beiden Lager haben sich regelrecht bekämpft. Die Phantasten hatten merkantil gesehen und beim breiten Publikum den größeren Erfolg, die Abstrakten mussten sich erst langsam durchsetzen, was vielen, darunter Markus Prachensky und Arnulf Rainer, zunächst vor allem in Deutschland gelang. Ich war eher auf der Seite der Abstrakten, aber der frühe Hundertwasser war sehr gut. Er knüpfte an den schmuckhaften Jugendstil an und entwickelte einen eigenständigen Stil. Seine Arbeiten waren dekorativ – im positiven Sinn. Erst später kamen die Einbrüche.

Das lichtdurchflutete 20er-Haus ist nicht als Ort der Kunst konzipiert worden. Hat es als Ausstellungshaus funktioniert?

Oh, doch! Es gab aber noch nicht die konservatorischen Bedenken von heute. Wenn impressionistische Bilder, die im Freien gemalt wurden, nur mit 200 Lux beleuchtet werden: Da geht das Vergnügen verloren. Damals war der Umgang mit der Kunst legerer. Vor allem Gemälde und Plastiken zeigte man bei Tageslicht. Das war nicht nur publikumsfreundlicher, sondern berücksichtigte auch stärker das Wesen der Kunstwerke.

Halten Sie die Renovierung rund um das Jahr 2010 für geglückt? Man entfernte unter anderem die markanten Freitreppen.

Dass eine gewisse Reduktion der Transparenz notwendig war, um einen modernen Ausstellungsbetrieb zu gewährleisten, lag auf der Hand. Aber die Treppen waren ein charakteristisches Element. Da fehlt nun leider etwas.

Copyright: Thomas Trenkler 2014

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