Matthias Hartmann: Plädoyer mit Widersprüchen

Der gefeuerte Burgtheaterdirektor beschwor in der Sendung “Menschenkinder” seine Unschuld – und verschwieg den wohl wichtigsten Grund für den Schuldenberg der Staatsbühne. –

Wien – André Hellers Serie „Menschenkinder“ hat etwas ungemein Zwingendes: Die Gesprächspartner erzählen einfach aus ihrem Leben. Es gibt zwar Schnitte und Close-ups, der Redefluss wird aber nie durch Zwischenfragen oder Korrekturen unterbrochen. Dies ist zugleich der größte Nachteil der Sendung. Denn der uninformierte Zuschauer kann gar nicht abschätzen, ob das, was der Gesprächspartner auf ORF III erzählt, auch nur annähernd stimmt.

Am Freitag (25. Dezember 2014) beichtete der gefeuerte Burgtheaterdirektor unter anderem, dass er in seiner Jugend ein “Angeber” gewesen sei. Im Großen und Ganzen allerdings war diese “Menschenkinder”-Folge ein Plädoyer der Verteidigung: Hartmann führte breit aus, dass er am Schuldenberg, der unter seiner Direktion enorm anwuchs, unschuldig sei. Der Regisseur meinte, dass er sich nicht einmal mitschuldig bekennen könne.

Doch Hartmann verstrickte sich – wie schon so oft in den letzten Monaten – in Widersprüche. Er erklärte sehr plastisch, wie sich das Burgtheater reicher rechnete, indem man einen “Werteballon” aufblies. Die neuen Wirtschaftsprüfer von KPMG hätten in diesen Ballon gestochen, und so standen den Schulden plötzlich keine Aktiva mehr gegenüber, um die “Kinderschaukel” in Balance zu halten.

Das stimmt schon. Aber Hartmann betonte mehrfach, dass ja er es gewesen sei, der die Missstände aufgedeckt hätte. Doch er wies auf das Dilemma erst hin, als die Blase bereits geplatzt war, also im Nachhinein. Und sein Berater Peter F. Raddatz hatte die Sache richtig erkannt. Denn er warnte Hartmann, dass er vorbereitet sein müsse auf den Vorwurf: „Ihr lebt über Eure Verhältnisse, gebt zu viel Geld aus und produziert zu viel.“

Und genau das ist der wohl wichtigste Grund für den monströsen Schuldenberg: Hartmann hat zu viel produziert. Im Herbst 2009 zündete der neue Direktor ein, wie er es selbst bezeichnete, „Feuerwerk“. Im Laufe seiner ersten Saison zeigte Hartmann gleich acht eigene Inszenierungen (darunter vier adaptierte Übernahmen aus Zürich und Bochum). Und statt etwa 20 bis 22 Premieren, wie bis dahin üblich, setzte er 30 an.

Viele Premieren haben zur Folge, dass die Auslastung exzellent ist. Und das war sie auch unter Hartmann. Aber das Burgtheater zahlte einen zu teuren Preis für die beeindruckenden Besucherzahlen. Dies lässt sich an einem Beispiel illustrieren: Das Akademietheater hat 500 Sitzplätze. Im Durchschnitt kostet eine Karte 40 Euro. Bei einer ausverkauften Vorstellung nimmt man daher 20.000 Euro ein, bei 80-prozentiger Auslastung etwa 16.000 Euro ein.

Wenn man statt einer durchschnittlichen Inszenierung, die nach 15 Vorstellungen auf eine Auslastung von 80 Prozent kommt, eine Premiere ansetzt, bei der das Haus voll ist, hat man nur 4000 Euro mehr in der Kasse. Selbst wenn die neue Produktion ein Dauerbrenner sein sollte: Die Kosten lassen sich nie im Leben hereinspielen. Denn allein schon das Regiehonorar für Hartmann beträgt satte 50.000 Euro. Dies ist auch der Grund, warum es in der Staatsoper nur fünf Neuinszenierungen pro Saison gibt: Weil Direktor Dominique Meyer weiß, dass er sich nicht mehr Premieren leisten kann.

Hartmann war mehrfach gewarnt worden, dass die Kosten bei derart vielen Neuproduktionen explodieren würden. Doch er wischte die Argumente beiseite: Er setzte auch noch unter dem Jahr Premieren an. Davon erzählte Hartmann aber kein Wort in der Sendung “Menschenkinder”.

Copyright: Thomas Trenkler 2014

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