“Sex in der Stadt”: Weibel singt wieder

Heute, am 10. Jänner, gab das Hotel Morphila Orchester im bummvollen 21er-Haus ein Konzert. Ein legendäres Ereignis. –

Wien – Das Hotel Morphila Orchester, 1978 in Zeiten von Punk versus Disco gegründet, war keine herkömmliche Band: Peter Weibel, Loys Egg und ihre Mitstreiter traten in der Regel nur in Kunstinstitutionen auf, etwa im Lenbachhaus (München), im Museum Moderner Kunst (Wien) oder am 2. Februar 1980 im Museum des 20. Jahrhunderts.

Auch von den Inhalten her unterschied sich das Hotel Morphila Orchester ziemlich von allen anderen Bands: In seinen Songtexten beschäftigte sich Weibel mit existentialistischen Fragen, der Umweltzerstörung und den Ängsten des modernen Menschen. Geschult in der konkreten Poesie, ging er immer wieder der Sprache und den Sprechakten auf den Grund: „Das Wort Stimme mit der Stimme sprechen, das Wort Hand mit der Hand schreiben“, sang Weibel. Die Unfähigkeit zur Liebe thematisierte der Medienphilosoph und künstlerische Tausendsassa zum Beispiel im Song „Liebe ist ein Hospital“: Liebe müsse man zeigen, nicht schwören. Natürlich gab es auch jede Menge Sprachspielereien: „Die schönsten Strophen sind sie Katastrophen.“

Mit der Single „Sex in der Stadt“ gelang dem Hotel Morphila Orchester 1979 so etwas wie ein Hit. Weibel zitierte im hektischen Sprechgesang aus den Kontaktanzeigen der Boulevardzeitungen: „Billig, mollig, willig, Busenbomber, Linke Wienzeile, französisch, Lasallestraße, alles außer griechisch, Hausbesuche, tiefe Kehle“ – und er kontrastierte die Reizworte mit anderen Anzeigen, darunter für Gebrauchtwagen („Mercedes 230, Schiebedach, Vollausstattung“). Die bürgerliche Moral verbot das Airplay schließlich.

1982 erschien bei Ariola das Album „Schwarze Energie“, danach wandten sich Weibel und Egg anderen Projekten zu. 1995 wurde eine Doppel-CD mit dem irreführenden Titel „Bonus Tracks“ veröffentlicht, die einen Überblick über all das gab, was zwischen 1978 und 1983 aufgenommen worden war.

Den Kultstatus, den das Hotel Morphila Orchester erreicht hatte, verlangte ein Revival: 2011 gab es im Musée d’Art Moderne et Contemporain in Straßburg ein gemeinsames Konzert mit Chicks on Speed. Auch eine neue Platte sollte herauskommen. 2007/2008 waren etliche neue Songs entstanden, aber sie blieben unvollendet. Ein Zeitfenster zu finden, war eher schwierig: Weibels Terminkalender ist andauernd voll.

Ende 2013 traf man sich schließlich in Karlsruhe, wo Weibel das ZKM leitet. Die Sessions sollen von einem massiven Richtungsstreit überschattet gewesen sein: Peter Weibel wollte Beats, Loys Egg lieber Melodien. Das Album „Face to Face“ erschien daher nicht.

Nun aber wurde es doch bei Monkey veröffentlicht. Am 10. Jänner stellte das Hotel Morphila Orchester “Face to Face” im 21er Haus vor, also in jenem Pavillon, in dem die Band am 2. Februar 1980 aufgetreten war. Damals ließ Weibel während des Konzerts seinen Mantel von Susanne Widl in Brand stecken.


Peter Weibel (Stimme), Loys Egg (Rhythmus Gitarre), Paul Braunsteiner (Solo Gitarre), Franz Dorfner (Bass) und Didi Kern (Drums) spielten im Setting der exzellenten Weibel-Retrospektive “Medienrebell” etliche neue Nummern: “Follow Your DNA”, “Wir sind Daten”, “Face to Face” und “Endstation”. Weibel warnte – vor der Überwachung, der Macht, dem Kapital.

Zudem waren viele „Hits der ersten Stunde“ zu hören, darunter “Dead in the Head”, “Information”, “Die Straße ist nass”, “Entzweit”, “Liebe ist ein Hospital” und natürlich, als Zugabe, “Sex in der Stadt”. Weibel trug weißes Hemd, Sakko, Stecktuch. Hin und wieder holte er seine Brille heraus, um die Texte im typischen Weibel-Sprechgesang vortragen zu können. Im März wird der „Medienrebell“ immerhin 71. Er machte trotzdem eine ziemlich gute Figur. Nicht nur als hellsichtiger Mahner, sondern auch als Rock-Star.

Die von Alfred Weidinger kuratierte Schau “Peter Weibel – Medienrebell” läuft nur noch bis 18. Jänner!

Copyright: Thomas Trenkler 2015

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