Die Rothschild-Schätze – nun in Boston

Der KURIER berichtet in seiner Ausgabe vom 24. Februar 2015, dass die Erben von Bettina Looram, der einzigen nach Österreich zurückgekehrten Rothschild, 186 Objekte aus der Sammlung von Alphonse und Clarice Rothschild dem Kunstmuseum Boston schenkten. Diese Objekte waren Anfang 1999 von der Republik Österreich restituiert worden.

Die Causa Rothschild war der erste große und vom Umfang her der bis heute größte Fall von Wiedergutmachung. Die Rückgabe ging problemlos über die Bühne – ohne Anwälte und ohne Rechtsstreit. Im Band “Das Zeitalter der Verluste. Gespräche über ein dunkles Kapitel”, 2013 im Czernin Verlag veröffentlicht, erkläre ich in der Einleitung zu einem bis dahin unveröffentlichten Interview mit Bettina Looram die Hintergründe:

Bettina Looram Rothschild: „Ich dachte mir: Aha, jetzt gehen wir ins Konzentrationslager“

Am Spätnachmittag des Stefanitages 1997 traf eine Meldung der „Austria Presse Agentur“ ein, deren Tragweite damals niemand wirklich abzuschätzen vermochte: Die „New York Times“ hatten in der Ausgabe vom 24. Dezember behauptet, dass zumindest vier Bilder der Egon-Schiele-Sammlung von Rudolf Leopold, die im Museum of Modern Art zu sehen war, eine „beunruhigende Vergangenheit“ hätten. Sie wäre ursprünglich im Besitz von Menschen gewesen, die vor dem NS-Regime flüchten mussten. Am 7. Jänner 1998, just als alle Leihgaben zurück nach Österreich transportiert werden sollten, ließ Robert Morgenthau, Staatsanwalt in New York, das „Bildnis Wally“ zusammen mit einem weiteren Gemälde beschlagnahmen, weil sie im Verdacht stünden, „Diebsgut“ zu sein.

In Wien setzte daraufhin eine hektische Provenienzforschung ein, an der sich auch Journalisten beteiligten. Im Zuge der Recherchen wurde, wie nicht anders zu erwarten war, die Frage laut, ob es in den Sammlungen der öffentlichen Hand nicht noch viele weitere Kunstwerke gäbe, deren Herkunft ungeklärt oder zweifelhaft ist. Kulturministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) wies daher am 13. Jänner die Direktoren der Bundesmuseen an, die Herkunft der Erwerbungen zu untersuchen.

Doch schon bald ging es nicht mehr nur um die NS-Zeit. Eine involvierte Persönlichkeit informierte mich, dass im Kunsthistorischen Museum decouvrierende Briefe gefunden worden seien. Sie würden beweisen, dass der geflüchteten Familie Rothschild in der Nachkriegszeit die wertvollsten Objekte im Gegenzug für eine Ausfuhrgenehmigung der 1938 enteigneten Sammlungen abgepresst worden seien, darunter auch das berühmte „Bildnis Tieleman Roosterman“ von Frans Hals. Mir wurde zudem mitgeteilt, dass die Korrespondenz dem Generaldirektor des KHM, Wilfried Seipel, übergeben worden sei. Aber dieses Wissen durfte ich nicht verwenden. Es galt, den Informanten zu schützen und Seipel auf falsche Fährten zu locken.

Ich bat Seipel um einen Termin, den er mir schließlich gewährte. Eine betagte Dame würde, sagte ich ihm, immer wieder in der Gemäldegalerie auftauchen, sich vor das „Bildnis Tieleman Roosterman“ stellen und behaupten, dass dieses eigentlich ihrer Familie, der Familie Rothschild, gehören würde. Seipel bestätigte dies. Die Dame sei in der Tat lästig, aber es handle sich definitiv um eine Schenkung. Ich fragte naiv, ob es eine Korrespondenz darüber gäbe. Seipel sagte, ihm sei nichts davon bekannt, und verwies mich an Herbert Haupt, den Archivar des KHM.

Ich wusste, dass Haupt nichts wusste, stattete ihm am 11. Februar dennoch einen Besuch ab. Aber nun konnte ich Gehrers Pressesprecherin Heidi Glück bitten, das Archivmaterial über die Sammlungen der Brüder Louis und Alphonse Rothschild einsehen zu dürfen. Schließlich hatte die Kulturministerin verkündet, daß „wir alles offen legen“, und dass „keine Unterlagen zurückgehalten“ würden. Das Ministerium zögerte zunächst, was mich nicht wunderte. Denn Seipel war der Lieblingsdirektor von Gehrer. Aber man kam der Bitte nach: Seipel selbst würde mir die Unterlagen am 12. Februar übergeben.

Zu meinem großen Ärger erschien an diesem Tag in der „Presse“ ein Artikel über das Kunsthistorische Museum mit vielen Wortspenden von Seipel. Barbara Petsch schrieb unter anderem, dass die „großzügige Schenkung“ der Rothschilds „offenbar unter Druck zustande“ gekommen sei: „Die Schenkung war der ,Preis’ der Ausfuhrgenehmigung für die übrige Sammlung.“ Und sie zitierte Seipel: „Ich kann das so nicht bestätigen. Aber wenn es so war und falls es Schriftliches darüber überhaupt gibt, liegt das im Bundesdenkmalamt, das für Ausfuhrgenehmigungen zuständig ist – und eher nicht bei uns.“

Das war schlichtweg gelogen. Am Vormittag besuchte ich wieder Seipel. Er gab mir zwar einige Briefe zu lesen, aber sie hatten keinen Aussagewert. Ich fragte mehrfach, ob das wirklich das gesamte Material sei, und wies ihn darauf hin, dass ich das Gespräch aufzeichne. Seipel zog nun zumindest ein interessantes Typoskript bezüglich der Sammlung von Louis Rothschild aus der Schreibtischschublade. „Das ist alles, was ich habe“, so Seipel wörtlich. Es müsste noch ähnliches Material zur Sammlung von Alphonse Rothschild geben, sagte ich. Seipel verneinte dies beharrlich.

Gleich danach wandte ich mich an Sektionsleiter Rudolf Wran, einen behäbigen, aber äußerst korrekten Beamten. Er hatte am Nachmittag für mich Zeit. Ich wusste, dass Karl Schütz, der Leiter der Gemäldegalerie im KHM, ihm die Dokumente in Kopie zugeschickt hatte. Er bestritt dies auch nicht. Aber er meinte, dass ich ohnedies schon von Seipel Einblick erhalten haben müsste. Dann könne ich doch auch die Kopien sehen, sagte ich. Doch Wran wollte Seipel gegenüber nicht illoyal sein. Er rief ihn in meiner Gegenwart an: „Sag, hast Du dem Trenkler, wie vereinbart, die Briefe zu lesen gegeben?“ Seipel bejahte. „Na, dann stört es dich eh nicht, wenn er auch meine Kopien liest“, sagte er – und legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten. Wran gab mir das Konvolut – und damit all die Schriftstücke, die bewiesen, wie unverfroren man vorging, um sich zentrale Bilder der Rothschild-Sammlungen „einzuverleiben“.

Am 14. Februar 1998 konnte ich meine Recherche veröffentlichen. Eine Woche später startete der Publizist Hubertus Czernin im „Standard“ die Serie „Das veruntreute Erbe“; unter anderem legte er erstmals den Fall Bloch-Bauer dar. Kurz darauf führte ich ein Interview mit Elisabeth Gehrer, das am 26. Februar erschien. Sie sprach sich dafür aus, dass die Herkunft der Objekte aus der Zeit zwischen 1938 und 1955 geklärt werden: „Darum habe ich die Weisung gegeben, daß von jedem Museum ein Verantwortlicher zu nominieren ist. Diese Experten werden sich Anfang März erstmals treffen, Generalkonservator Ernst Bacher, der interimistische Leiter des Denkmalamtes, ist beauftragt, das zu koordinieren.“

Damit nicht wieder versucht werden könne, decouvrierende Unterlagen zurückzuhalten, habe sie, sagte Gehrer, verfügt, eine Clearing- und Servicestelle einzurichten, die vom Ministerium und von den Museen ausgelagert ist. Und auf die Frage, ob die Republik die Kunstwerke zurückgeben werde, sagte sie: „Ich bin für eine großzügige Handhabung. Ich glaube, daß die Sachen rechtlich zwar verjährt sind. Aber wenn etwas moralisch nicht einwandfrei war, dann bin ich dafür, großzügig zu sein. Nur: Staatseigentum herzugeben, liegt nicht in meiner Zuständigkeit. Ich bin nicht der Übermaxi, der sagt: zack zurück, zack weg. Dafür gibt es eine Restitutionsabteilung im Finanzministerium. Und natürlich wird es einer Entscheidung der Regierung bedürfen.“

Die große Koalition machte aber keine Anstalten, eine Entscheidung treffen zu wollen. Am Freitag, den 13. März 1998, gab Bundeskanzler Viktor Klima Hubertus Czernin und mir ein enttäuschendes Interview, das tags darauf im „Standard“ erschien. Er bekannte sich zur Aufarbeitung des Kunstraubs in der NS- und Nachkriegszeit, er sprach von „Transparenz“, aber das Wort „Restitution“ kam ihm nicht über die Lippen. Auf die Frage, wie er den Rothschild-Erben begegnen würde, sagte er: „Ich würde ein Gespräch führen, das eine klare Erläuterung, vielleicht auch eine Entschuldigung über diese Vorgehensweise beinhaltet. Es hat damals Druck gegeben – und das ist nicht die Linie, die die Republik des Jahres 1998 verfolgen will.“ Zudem wischte er das Problem der „arisierten“ Liegenschaften und Unternehmen vom Tisch: „Wir sollten schrittweise vorgehen. Jetzt wollen wir uns einmal auf die Kunstwerke konzentrieren.“

Eines Tages erhielt ich einen Anfruf von einer älteren Dame, die sich als Bettina Looram vorstellte: „Sie haben freundlicherweise über meine Familie geschrieben.“ Sie war die Tochter von Alphonse Rothschild und wurde am 31. Oktober 1924 in Wien geboren. 1974 kehrte sie zusammen mit ihrem Mann Matthew als einzige aus der „Wiener Linie“ zurück nach Österreich. Sie erzählte mir, dass sie sich bei jedem KHM-Besuch vor das „Bildnis Tieleman Roosterman“ stelle und und allen Besuchern sage, dass ihre Mutter Clarice gezwungen worden sei, dieses Gemälde und viele weitere herzuschenken. Ob es jetzt doch noch eine Chance gebe, die Kunstwerke zurückzubekommen?

Ich versprach ihr, sie am Laufenden zu halten, und bat sie um diverse Unterlagen. So folgten weitere Telefonate. Auch am 6. April 1998 rief ich Bettina Looram Rothschild in der Langau an, wo sie mit ihrem Ehemann Matthew lebte. Ich recherchierte gerade für eine Themenseite, die am 9. April erscheinen sollte.

Für die Gründonnerstagsausgabe bekomme ich eine Themenseite, um über die jüngsten Entwicklungen zu berichten. Da möchte ich auch alles nachtragen, was ich in der ersten Geschichte über Ihre Familie aus Platzmangel nicht schreiben konnte. Bei unserem vorigen Gespräch habe ich das Aufnahmegerät leider falsch angesteckt. Ich bitte Sie daher, mir noch einmal zu erzählen, was nach Hitlers Einmarsch passierte.

Gut. Es ist der 11. März ’38. Meine Eltern waren in London – meine Mutter war Engländerin – und sind unterwegs in die Schweiz. Mein Bruder Albert ist dort im Internat Le Rosey. Und wir zwei, meine jüngere Schwester Gwendoline und ich, sind in Wien. Dann kam ein Anruf von den Eltern: Die Mädel sollen sofort den Nachtzug besteigen und in die Schweiz kommen. Und da sind wir mit Gouvernante und Diener – sehr peinlich: mit Diener! – los. Ganz zeitig in der Früh waren wir in Innsbruck. Da haben sie gesagt: „Alle Juden aus dem Zug!“ Wir sind ausgestiegen. Der Gouvernante und dem Diener haben sie gesagt, dass sie im Bahnhof bleiben sollen. Meine Schwester und mich haben sie ins Polizeigefängnis gebracht. In eine Zelle. Dort sind wir, ein elf- und ein dreizehnjähriges Mädel, gesessen. Bis drei oder vier Uhr. Dann kamen zwei mit Hackenkreuz-Binden am Oberarm – es waren Österreicher, keine Deutschen. Sie sagten: „Gemma! Gemma!“ Ich bin immer sehr pessimistisch. Ich dachte mir daher: Aha, jetzt gehen wir ins Konzentrationslager. Ich hab damals schon Bescheid gewusst. Aber gar nicht! Wir sind zurück zum Bahnhof, wo die Gouvernante und der Diener bleich im Gesicht gestanden sind. Jemand hat „Heil Hitler“ gemacht. Und der Diener hat auch „Heil Hitler“ gemacht. Er wollte natürlich nicht auffallen. Aber ich war ganz baff. Und dann sind wir in den Zug eingestiegen. Die beiden durften nicht über die Grenze, sie sind zurück nach Wien. Aber es war ein Anwalt mit einem Riesen-Koffer da. Ich glaub: mit Geld, falls sie uns nicht hinausgelassen hätten. Wir Mädel waren wütend: Wir wollten allein reisen – und dann war da dieser Mensch, der auf uns aufgepasst hat. Aber auf jeden Fall: Sie haben uns in Innsbruck so lange festgehalten, bis sie wussten, dass mein Onkel in Wien festgenommen worden war.

Ihr Onkel Louis sagte, er möchte zumindest fertig essen.

Ja, er war beim Mittagessen. Der Diener kam und sagte: „Die Gestapo ist da.“ Und er sagte: „Die sollen warten, bis ich fertig gegessen habe.“ Ob er wirklich fertig gegessen hat oder gleich verhaftet wurde, weiß ich nicht. Das hat mir nie jemand erzählt. Er kam nicht gleich zum Morzinplatz, sondern in das gewöhnliche Gefängnis. Erst nach ungefähr sechs Wochen ist er zusammen mit Schuschnigg und ein paar anderen in das Hotel Metropol verlegt worden, in das Hauptquartier der Gestapo. Er war in einer Einzelzelle mit Tag- und Nachtwächter. Er hat sich sicher gefragt, ob er da lebend herauskommen wird. Aber er hat verlangt, dass man ihm Bücher bringt. Ich glaube, er hat die Haft besser ertragen als viele andere Menschen.

Er war nicht verheiratet.

Ja. Aber er hatte sehr viele Freundinnen. Und die Mutigen sind unter seinem Fenster auf- und abgegangen. Die Namen von ihnen kann ich Ihnen aber nicht sagen.

Sie haben dann Ihre Eltern in der Schweiz getroffen. Wie ging es weiter?

Meine Eltern haben ein Haus in London gemietet. Aber inzwischen ist mein Bruder sehr krank geworden, er bekam eine furchtbare Infektion. So sind nur wir, die Mädeln, nach London, weil wir in die Schule mussten. Dann ist mein Bruder gestorben. Und erst danach sind auch die Eltern nach London gekommen. Wir waren etwa ein Jahr dort, dann sind wir zurück in die Schweiz: Die Eltern wollten unbedingt das Grab meines Bruders besuchen. Und dann, im Mai 1940, sind die Deutschen in Belgien und Holland einmarschiert. Da hat die Familie gefunden: Weg! Das nächste Land, das okkupiert wird, ist die Schweiz. Also sind wir quer durch Frankreich nach Le Havre. Die Eltern haben mit Tausenden Flüchtlingen verzweifelt nach einem Schiff gesucht. Irgendwann trafen sie – ein Weltwunder! – meinen englischen Onkel, den Bruder meiner Mutter, der bei der Militärpolizei war. Er hat uns auf ein Schiff verfrachtet – und wir sind nach England. Die Deutschen sind durch Holland, Belgien und Frankreich wie ein Messer durch Butter. Und dann war dieses Debakel der Engländer in Dunkerque.

Die deutsche Wehrmacht eroberte Dünkirchen Anfang Juni 1940.

Wir waren vielleicht vierzehn Tage zuvor nach England gekommen. Die englische Familie sagte: „Es ist möglich, dass die Deutschen auch hier einmarschieren. Das Beste ist, Ihr fahrt in die Neue Welt – und nehmt so viele Rothschild-Kinder mit wie möglich.“ Das haben wir gemacht. Wir hatten aber kein Visum für Amerika, das war furchtbar schwer zu bekommen, wir hatten nur ein Transit-Visum. Wir blieben ein paar Tage in New York und sind dann weiter nach Kanada. Weil meine Mutter geborene Engländerin war, bekam sie die englische Staatsbürgerschaft zurück. Sie durfte daher nach Kanada einreisen und die Familie mitbringen. Ungefähr ein Jahr später übersiedelte die Familie nach Amerika. Meine Schwester ging in New York in die Schule. Ich blieb aber in Kanada in einem Internat: Ich wollte nicht schon wieder die Schule wechseln. Wie im Sommer ’41 sind wir auch im Sommer ’42 nach Maine an die Nordostküste. Wunderschön. In einem Ort, der Bar Harbor heißt, hatten wir Bekannte. Wir haben dort ein Haus gemietet. Und mein Vater hatte einen Herzanfall. Er ist sechs Wochen später, am 2. September, gestorben – im Bett, ganz friedlich.

Zurück nach Wien: Ihr Onkel Louis musste das gesamte Vermögen der Familie den Nationalsozialisten übereignen. Wann kam er frei?

Im Mai ’39. Das war knapp. Denn am 1. September ist der Weltkrieg ausgebrochen.

Haben Sie Ihren Onkel wiedergesehen?

Ja. Er ist von Wien nach Paris und weiter nach Argentinien. Auch er hat zunächst kein amerikanisches Visum gekriegt. Er blieb ungefähr ein Jahr in Argentinien. Und erst dann ging er nach Amerika. Er traf seine alte Freundin Hilda Auersperg wieder – und hat sie 1946 geheiratet. Er ist 1952 in Jamaika gestorben. Beim Schwimmen.

Die Palais von Ihrem Vater in der Theresianumgasse und Ihrem Onkel Louis in der Prinz-Eugen-Straße wurden nach dem Krieg restituiert?

Ja. Unser Palais war in einem sehr schlechten Zustand. Wir haben krampfhaft nach einem Käufer gesucht. Die Gewerkschaft hat es schließlich gekauft. Und die Arbeiterkammer hat das Palais von meinem Onkel erworben. Es war sehr protzig. Sie hat es geschliffen und irgendetwas Modernes hingebaut. Unser Palais wurde auch abgerissen. Ich war eigentlich nie mehr in der Theresianumgasse. Ich will mich daran erinnern, wie es einst war.

Mit der Rückstellung der Immobilien gab es also keine Probleme?

Wir haben alles zurückgekriegt. Auch den Garten auf der Hohe Warte. Den hat meine Mutter erst recht spät an die Stadt Wien verkauft – um einen symbolischen Betrag, damit die Stadt die Pensionen der Gärtner übernehmen. Mein Großonkel Nathaniel hatte diesen Garten gegründet. Er brachte englische Gärtner nach Wien. Sie wussten nicht, was sie in der Freizeit machen sollen, sie haben nicht Deutsch gesprochen. Und da hat er für sie 1894 den First Vienna Football Club gegründet. Deswegen tragen die Spieler auch Blau-Gelb: Das sind unsere Farben.

Ihre Mutter Clarice …

Sie kam 1946 zurück nach Wien und hat sich um die Wiedergutmachung gekümmert.

Sie ging mit den österreichischen Behörden den Kuhhandel ein.

Ja. „A bird in the hand is worth two in the bush.“ Wir hatten damals nichts. Meine Schwester Gwendoline war noch nicht verheiratet, ich hatte zwei kleine Kinder. Es war kein Geld da. Das war ein furchtbarer Schlag für sie, als man ihr sagte: Es gehört alles wieder Ihnen – nur: Sie dürfen es nicht ausführen. Meine Mutter dachte: Es ist zu retten, was zu retten ist.

Ich hatte aber zu viel Material für die Themenseite gesammelt – und daher keine Verwendung für das Interview. Ich tippe es nicht einmal ab, vergaß es schließlich. Es fand daher auch keinen Eingang in einen längeren Text zum Fall Rothschild, um den mich Hubertus Czernin für einen Sammelband über den NS-Kunstraub und die Folgen gebeten hatte.

In meinem Artikel „Weiterwarten auf Bilder-Rückgabe“ vom 9. April 1998 kritisierte ich Versäumnisse und zeigte Widersprüchlichkeiten auf. Zudem konnte ich, dank der Listen, die mir Bettina Looram Rothschild zugesandt hatte, das Ausmaß der Erpressung genauer darstellen: „Neben den sieben Gemälden (von Frans Hals, Pieter van Laer u.a.), die, wie berichtet, die Gemäldegalerie erhielt, gingen noch weitere 87 Preziosen an das Kunsthistorische Museum: an das Münzkabinett, die Waffen-, die Plastiken- und die Musikinstrumentensammlung. Das Heeresgeschichtliche Museum bekam fünf Objekte, die Österreichische Galerie sieben, die Albertina 30, das Museum für angewandte Kunst 34, das Historische Museum der Stadt Wien sechs, das Uhrenmuseum vier und das Joanneum drei – insgesamt 167 Posten! Hinzu kommen die Bilder und Objekte, die Louis Rothschild, der Bruder von Alphonse, schenken durfte.“

Bettina Looram Rothschild wurde zwar aufgefordert, einen Rückgabe-Antrag zu stellen. Ansonsten passierte nichts. Es gab zwar Beteuerungen, Rückgaben „großzügig“ zu handhaben, aber keine legistische Grundlage. Was also tun? Ich kontaktierte Anwälte und sprach mit Paul Griesebner, dem für Kulturpolitik zuständigen Referenten von Heide Schmidt. Die Gründerin des Liberalen Forums setzte sich, von Paul informiert, für die Sache ein. Am 19. Juni brachte das Liberale Forum einen Gesetzesantrag ein, dem zufolge alle „nach dem 12. März 1938 unrechtmäßig oder aufgrund illegaler Praktiken in Bundesbesitz“ gelangten Kunstobjekte zu restituieren wären.

Diesen Druck schien es gebraucht zu haben: Während der Ferienmonate erstellte die Koalitionsregierung in Zusammenarbeit mit der Finanzprokuratur und dem Verfassungsdienst einen eigenen, inhaltlich recht ähnlichen Entwurf, der Anfang September von Elisabeth Gehrer präsentiert wurde. Zwei Monate später, am 6. November, beschloß der Nationalrat einstimmig das „Bundesgesetz zur Rückgabe von Kunstgegenständen aus den Österreichischen Bundesmuseen und Sammlungen“.

Hubertus Czernin erkannte unterdessen, dass sich ein Handbuch über den NS-Kunstraub und die Folgen angesichts der unglaublich vielen Fälle nicht so leicht realisieren ließ. Er bat mich, den Beitrag über den Fall Rothschild zu erweitern: Er sollte als Band 2 der Reihe „Bibliothek des Raubes“ im Molden Verlag erscheinen. Und die Provenienzforscherin Sophie Lillie übernahm die Wahnsinnsaufgabe, das Handbuch „Was einmal war“ über die enteigneten Kunstsammlungen Wiens zu recherchieren. Ob des riesigen Umfangs sollte es erst 2003 veröffentlicht werden können.

Am 11. Februar 1999 gab Gehrer bekannt, dass die Familie Rothschild sämtliche Kunstwerke im Besitz des Bundes zurückerhält, insgesamt 250 Objekte, darunter drei Porträts von Frans Hals. Ihre Ankündigung, sich für eine großzügige Rückgabe einzusetzen, wurde tatsächlich binnen Jahresfrist umgesetzt – ohne, dass die Rothschilds einen Rechtsanwalt hatten einschalten müssen.

Am 1. April 1999 wurde mein Buch „Der Fall Rothschild. Chronik einer Enteignung“ im Audienzsaal des Kulturministeriums präsentiert. Bettina Looram Rothschild äußerte sich anerkennend über die unbürokratische Art und Weise, in der sie zu ihrem Recht gekommen war. Das Rückgabegesetz solle aber nicht nur für die Rothschilds gelten, betonte sie. Wenige Wochen später schenkte sie der Republik das restituierte Porträt „Graf Sinzendorf“ von Hyacinthe Rigaud. Sie wollte mit dieser Geste Gehrer für deren Engagement danken. Der Großteil der Kunstgegenstände – Waffen, Porzellan, Möbel, Graphiken und zehn Bilder, insgesamt 218 Objekte, – gelangte am 8. Juli 1999 in London bei Christie’s zur Versteigerung. Der Erlös betrug etwa 88 Millionen Euro.

In den darauf folgenden Jahren traf ich Bettina Looram Rothschild hin und wieder in Wien, wo sie traditionell im Hotel Sacher logierte. Und ein paar Mal besuchte ich sie in der Langau. Das Ritual war immer das gleiche: Als Aperitiv schlug Betty eine Bloody Mary vor. Der Drink, von ihrem Mann und nach dessen Tod 2004 von ihr gemixt, hatte es in sich. Dann gab es Wild mit Kroketten. Wir unterhielten uns über die Ötscherbären, den Rothschild-Urwald, die aktuellen Raubkunstfälle und so weiter. Bettina Looram Rothschild starb am 10. November 2012. Und mit ihr eine Welt, die ich davor nur aus Erzählungen gekannt hatte.

Comments
One Response to “Die Rothschild-Schätze – nun in Boston”
  1. Lieber Thomas,
    eine rührende Bericht / Geschicte mit eine gute Happy End!
    Nun wiesen wir andere Restitution sind nicht mehr so Clean gelaufen,
    Geld Gierige menschen haben sich die Restitution an sich gerissen und sich persönlich damit bereichert haben..
    dazu gehören auch Anwälte usw…viele von uns wiesen auch wer sind diese Leute, leider wird geschwiegen und
    ich beobachte wie in Wien, von galeristen, museum s Dir. usw…wie sie sich schleimen an diese Persönen mit der hoffnung davon zu kommen..( keller untersuchung nach shätze)

    In Israel verhungern Holocaust Überleben und in Europa und USA wird Geschäfte gemacht auf kosten diese Menschen.

    Der Mensch wird sich nie ändern und ist egal welche Religion oder Nationalität.. gelernt haben sehr weniger..
    Schau unsere Welt Heute, wir leben in ein traurige zeit wo Macht Gierige Menschen Keine Moral mehr haben, von Politiker ein Skandal nach der andere und sie treten nicht zurück!

    danke für diese geschichte..

    Esther Attar Machanek

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