In memoriam Peter Vujica (1937-2013)

Vor einem Jahr, am 25. Dezember 2013, starb der Komponist und Musikkritiker Peter Vujica, der sich als Schriftsteller Peter Daniel Wolfkind nannte. Viele Jahre war er als Kulturressortleiter beim “Standard” mein Chef und Lehrmeister. –

Wir lernten uns in den 1960er-Jahren kennen – nicht ganz freiwillig übrigens: Peter hatte meine Schwester und mich notgedrungen in Kauf zu nehmen, wenn sich das Ehepaar Vujica mit meinen Eltern zum Essen traf. Er war Kulturredakteur bei der “Kleinen Zeitung”, was allein schon etwas Respekteinflößendes darstellte, und von geradezu monströser Gestalt.

Alles an ihm schien etwas zu groß geraten: der Kopf mit dem pechschwarzen Haar, der Körper und ganz besonders die Augen, die einen derart anstarren konnten, dass man fortan wie gelähmt dasaß. Meiner Schwester und mir wollte nicht eingehen, daß Elke Vujica, diese zierliche Frau mit dem langen Zopf, aus freien Stücken mit dem Ungetüm zusammenlebte. Er war irgendwie ein Mensch gewordener Wolf, der das Rotkäppchen in seine Gewalt gebracht hatte. Und wir konnten uns durchaus vorstellen, dass er, wenn er genügend Hunger hatte (auch das war vorstellbar), kleine Kinder fraß. Mit einem Wort: Er war uns nicht geheuer.

Aber zugleich faszinierte er uns ungemein. Denn einmal verputzte er ein gebratenes Huhn samt Knochen, ein andermal stopfte er die gekochte Kalbszunge als Ganzes in den Mund, um sie zu unserem Gaudium wiederholt aus diesem flutschen zu lassen.

In den darauf folgenden Jahren avancierte er zu einer der zentralen Gestalten der Grazer Kulturszene. Geboren am 7. Dezember 1937 in Graz, hatte Vujica Germanistik, Anglistik sowie Musik studiert. Ende der 1950er-Jahre half er mit beim Bau des Forums Stadtpark, am 11. November 1960, eine Woche nach der Eröffnung, wurden ebendort seine Sonate für Violine und Klavier sowie eine Toccata zur Uraufführung gebracht. Schon damals nannte er sich als Künstler Peter Daniel Wolfkind. Denn sein serbischer Name – Vujicas Familie stammt aus Montenegro – bedeutet „kleiner Wolf“.

1972 erschien sein erster Erzählband, „Mondnacht“ betitelt, der dem Leser – wie Peter Vujica uns Kindern – kalte Schauer über den Rücken jagen konnte. Denn Wolfkind, dem die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrer Rezension „elegant gefingerte Perversität und gleichsam spielerische Brutalität“ bescheinigte, berichtete betont lakonisch von ziemlich makabren Dingen, die den Menschen – meist sind es Kranke oder Krüppel – zustoßen. Und als ob wir es instinktiv geahnt hätten: Oft sind es Kinder, die Wolfkind, wenn er sie nicht als grausame Täter zeichnet, unter grausamen Umständen sterben lässt. So wird ein unfolgsamer Bub von einer Horde Bienen zu Tode gestochen, ein anderer erstickt in einer Vollmondnacht an einer Kröte. „Die Morde des Onkel Wolfkind“, sagt der zwölfjährige Siegfried treffend im „Fest der Kröten“.

1972 wurden zudem in der Literaturzeitschrift „manuskripte“ zwei ziemlich verrückte Beiträge von Wolfkind veröffentlicht. Der eine war so etwas Ähnliches wie eine Partitur, versehen mit Skizzen und Erklärungen, unglaublich kompliziert und Roman Haubenstock-Ramati zugedacht: Sechzehn Sprecher schreien, tremolieren, stottern, deklamieren, flüstern, pfauchen und summen das „phonetische Material“ des Wortes „Orpheus“, bis dieses ein Ganzes wird. Dem tragischen Sänger sollte er treu bleiben: Etliche Jahre nach dieser „Orpheusmagie“, im Oktober 1978, stellte sich Wolfkind als Librettist der Oper „Orpheus ex machina“ von Ivan Eröd vor.

Der andere Originalbeitrag für die „manuskripte“ nannte sich „Metagrammatik. Katalog des verfaulenden Abfalls und der verwesenden Tiere, des Ungeziefers und der vermodernden Gegenstände auf einer Schütthalde nordöstlich von Semriach, aufgenommen am 14. November 1971“. Diesen Katalog unterwarf der gepflegte Städter Wolfkind, damals oft mit Mascherl unterwegs, nun selbst dem Prozess alles Irdischen: Er stürzte die minutiösen Beschreibungen auf die imaginäre Halde (worauf die Worte durcheinander purzelten), ließ sie zerbrechen (zu Silben) und zerfallen (zu Buchstaben), ließ sie verwesen (zu anderen Lauten) und sich auflösen. Aus der alten Ordnung war Chaos entstanden. Über die Phase des fruchtbaren Humus für Neues kam der beim Leser auch Widerstände hervorrufende Beitrag aber nicht hinaus. Denn die „Metagrammatik“ war ein gewaltiger Bleifriedhof, der sich über zwölf eng bedruckte Seiten erstreckte. Es nahm daher nicht Wunder, wenn „der Abdruck der letzten drei Phasen“ – der Prüfung, der Ordnung und der Verklärung – „aus platztechnischen Gründen“ für das nächste „manuskripte“-Heft angekündigt wurde. Und es nimmt noch weniger Wunder, dass diese drei Phasen weder im nächsten noch in einem anderen Heft veröffentlicht wurden. Sie verwesten einfach.

Mag diese „Metagrammatik“ noch so verrückt gewesen sein, sie ist für Vujicas Werk und Gedankenwelt von zentraler Bedeutung. Das konnte man bereits ein Jahr später feststellen, als „Der grüne Zuzumbest“, ein Roman, erschien. Denn die heilige Ordnung des Titelhelden Anselm Zuzumbest, der ähnlich penibel-korrekt gekleidet und den Gaumenfreuden zugeneigt ist wie sein Autor, gerät mehr oder weniger durch Zufall völlig aus den Fugen: Der Antiheld, der von männlicher Behaarung (und dadurch auch vom Ausbruch aus seiner abgezirkelten Welt) träumt, verwandelt sich, nachdem er sich wirklich jede Stelle seines Körpers mit einem Haarwuchs verheißenden Pflanzendestillat eingerieben hat, in eine riesige, blühende Pflanze. Eine gar klassische Metamorphose also, die Wolfkind, der naturgemäß den englischen Garten dem französischen vorzog, detailverliebt beschreibt.

All das, und was sich sonst noch in Peter Vujicas höchst kreativem Leben ereignete, bekam ich nur am Rande mit. Ich weiß lediglich, dass sich meine Eltern immer wieder über ihn und seine mitunter sehr deftigen Scherze amüsierten. Er entwertete zum Beispiel seinen zweiten Erzählband „Die Boten des Frühlings“ (1975) „restlos“, wie er notierte, indem er ihn mit einer Widmung versah. Oder er gründete die „Sexualdemokratische Partei Österreichs“, deren Mitglieder sich laut Vereinsstatut einmal wöchentlich an einer Orgie auf einem öffentlichen Platz – „womöglich unter einem Denkmal des Erzherzog Johann“ – zu beteiligen hatten.

1976 sollte Peter Vujica, ein Mann von Welt und Charmeur der alten Schule, als österreichischer Kulturattaché nach Belgrad übersiedeln, doch er trat seinen Dienst nie an, weil die Chancen, Programm zu machen, gering waren. 1978 kam es am Grazer Schauspielhaus zur Uraufführung von „Hoffmanns Erzählung“. Auch in diesem Stück geht es um das Thema der Verwandlung. Der Sohn des sterbenden Titelhelden will mit aller Macht die Ordnung aufrechterhalten: „Überall Willkür. Willkür statt Ordnung. Aber ich sage Ordnung, Ordnung statt Willkür.“ Wie zu erwarten war, bricht das Chaos herein – und zum Schluss wird aus purer Bequemlichkeit eine neue Ordnung geschaffen. Übrigens: Mithilfe eines Mannes, der durch Bienenstiche völlig entstellt ist.

1980 wurde Vujica, weiterhin Kulturredakteur bei der „Kleinen Zeitung“, zum Direktoriumsmitglied des Avantgardefestivals „steirischer herbst“ bestellt. Er stritt sich, verantwortlich für das Musiktheater, mit den anderen Bereichsleitern um das minimale Budget. Auch auf diesem Gebiet hatte Vujica bereits hinreichend Erfahrung gesammelt: von 1963 bis 1966 als Dramaturg der Vereinigten Bühnen Graz sowie von 1968 bis 1973 als Gründer und Mitorganisator des „musikprotokolls“, das eine tragende Säule des „steirischen herbstes“ werden sollte.

Dem Direktorium war keine lange Zukunft beschieden: Im Sommer 1981 ernannte man Peter Vujica zum ersten Intendanten des Festivals. Er sorgte sogleich für Aufregung. Denn auf die Frage, was er an einer Frau am meisten schätze, antwortete er mit provokanter Ehrlichkeit: „Schönheit. Das muss man einmal sagen! Ein Raffl bleibt ein Raffl! Dann Geduld. Häuslichkeit. Und natürlich Intelligenz.“ Eine Flut emanzipatorischer Leserinnenbriefe war die logische Folge.

Im Frühjahr 1985 bat ich Vujica, den ich schon mehrere Jahre nicht mehr gesehen hatte, um ein Interview für die Kunstzeitschrift „Parnass“. Der Abdruck muss ihm irgendwie gefallen haben: Er ließ mich fragen, ob ich nicht im Pressebüro des Festivals arbeiten wolle. Natürlich wollte ich. Und so lernte ich Peter Vujica, den Kinderschreck von einst, als Chef kennen. Als einen Chef, der sich nicht zu gut war, einem alles zu erklären. Auch die Welt, wie er, der Humanist, Genießer und Skeptiker, sie verstand.

In seinem Büro am anderen Ende einer imposanten Saalflucht des Palais Attems, in dem ein Paar Boxhandschuhe und ein Farbfoto hing, das Manfred Willmann von Vujicas Dackel Ampo geschossen hatte, war er nur höchst ungern: Er saß lieber bei Charlotte Sucher, der Assistentin, und Eberhard Schrempf, dem technischen Direktor, und schlürfte seinen „Bambu“, ein rabenschwarzes, sicher sehr gesundes Gebräu, das entsetzlich roch, oder sein „Misosüppchen“. Am späten Nachmittag wurde auf Spritzer gewechselt, der literweise vom Gasthaus Dunkl vis-à-vis geholt wurde. Man saß vor dem offenen Kamin (ohne Holz allerdings), und Vujica sprühte vor Ideen.

Für Verrücktheiten aller Art war er, ein Schwammerlsucher, Nummerologe, Gesundheitsapostel, Pünktlichkeitsfanatiker und Uhrenfetischist, immer zu haben. Ereigneten sich aber Verrücktheiten, konnte er auch die Beherrschung verlieren. Es ereigneten sich natürlich sehr oft Verrücktheiten. Und aberwitzige, groteske Situationen, die Vujica, anfällig für jede Art des Aberglaubens, geradezu magisch anzuziehen schien. Zum Beispiel, als die Naturschützer gegen die Uraufführung eines Jazz-Oratoriums in der Lurgrotte bei Semriach protestierten, weil die Fledermäuse Schaden nehmen könnten. Oder als der Künstler Bill Fontana vom Schloßberg aus die Stadt beschallte – mit sonderbaren Geräuschen wie dem Tuten eines Nebelhorns aus San Francisco und dem Kreischen der Affen beim Liebeswerben, die für ungeahnte Entrüstung sorgten. Oder als ein Neonazi das NS-Mahnmal von Hans Haacke in Brand steckte, worauf die darunter verborgene Mariensäule zu einem Häufchen Elend schmolz.

Anfang 1989, ein knappes Jahr vor seinem Vertragsende, wurde Vujica von Gerfried Sperl, bis 2007 Chefredakteur des „Standard“, als Kulturressortleiter nach Wien geholt. Das Kuratorium akzeptierte die Doppelfunktion, denn die Planung für Vujicas letzten „herbst“ war bereits abgeschlossen. Dieser widmete sich jenem Thema, das Vujica, der schon seit Jahren hinter das Geheimnis des Roulettekessels und der Permanenzen zu kommen trachtete, wie kein anderes faszinierte: „Chaos und Ordnung“. Der 89er-„herbst“, realisiert in Zusammenarbeit mit Peter Weibel, sollte sein erfolgreichster werden.

Beim „Standard“ berichtete Vujica unter anderem aus Bayreuth und Verona, er machte jede Opern- oder Konzertkritik zu einem außerordentlichen Lesevergnügen. So manche exklusive Geschichte erfuhr er von seinen „Kegelbrüdern“, die er regelmäßig traf. Und ab dem 13. Jänner 1993 trat er mit seiner Leserschaft allwöchentlich in einen Dialog. Die erste Kolumne trug den Titel „Bitte, blättern Sie weiter!“, was kaum einer befolgte. Denn Peter Vujica konnte, wie in seinen pointiert formulierten Kritiken, unglaublich amüsant sein. Mitunter gestattete er sich aber auch bissige Kommentare, die manchen zur Weißglut trieben. Vujica kritisierte die Nato und die EU, er wies darauf hin, dass die Serben nicht nur töteten, sondern auch getötet wurden.

Ich war im Frühsommer 1993 zum „Standard“ gestoßen. Tischte er uns, seinen Mitarbeitern, am Vormittag normalerweise seine unglaublichen Erlebnisse auf (beispielsweise auf einer japanischen Toilette), war er, wenn es galt, die Kolumne zu schreiben, eher mit Vorsicht zu genießen. Denn zuerst ging er, die „Diva“, wie wir ihn nannten, in der “Bude”, wie er unser Büro nannte, schwanger: Er klagte, er wisse nicht, was er schreiben solle, und bat händeringend um brauchbare Vorschläge. Irgendwann zog er sich dann in sein Zimmer zurück. In Windeseile schüttelte er die neue Kolumne aus sich heraus und lästerte, wenn ein Kollege für seinen Artikel weit länger brauchte: „In der Zeit hätt’ ich schon die Odyssee geschrieben!“ Vujica war mein, er war unser Lehrmeister. Er lehrte uns zum Beispiel, keinen Respekt vor der Obrigkeit zu haben, sich nicht vereinnahmen zu lassen – und sich nicht mit der erstbesten Antwort zufrieden zu geben.

2001, nach seiner Pensionierung, schrieb er weiter für den „Standard“ – bis zum Sommer 2009, als seine Altersleukämie in unvermuteter Härte erneut ausbrach. In jenen Jahren komponierte er auch wieder. Er erfand die „Kosmophonie“, die akustische Darstellung planetarischer Konstellationen durch so genannte „kosmische Sonagramme“. Sternkonstellationen in Klangfolgen umzusetzen: Damit beschäftigte er sich bis zum Schluss.

Es gab im letzten Jahrzehnt ein paar Uraufführungen seiner traditionell gebauten Kompositionen, aber leider nie eine reguläre Veröffentlichung. Als Sonderedition liegt auf CD lediglich ein achtminütiges, mächtiges Stück für Synthesizer und Pauken (und ohne Trompeten) vor. Es nennt sich bezeichnenderweise „Tango funebral“.

Comments
One Response to “In memoriam Peter Vujica (1937-2013)”
  1. Herrlugus@hotmail.com' Herr Lugus sagt:

    Danke, für die treffende Kurzbiografie Peter Vujicas.
    Mein liebster Vujica-Manierismus war das Halten der dicken Zigarrenglut (am Ende Seiner stets gezündeten fetten Zigarre) unterhalb und ganz nahe eines bevorzugten Augapfels für das, dabei erlebte, Wohlbefinden, das die Strahlwärme den darunterliegenden Nebenhölen verursachten.

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