Ulrike Kaufmann zieht keine roten Fäden mehr

Die Mitbegründerin des Serapions Theaters starb 61-jährig in Wien –

Im April 2013 fand die letzte Premiere des Serapions Theater statt. Exakt 40 Jahren zuvor hatte die symbiotische Zusammenarbeit von Ulrike Kaufmann und Erwin Piplits begonnen. Und exakt 25 Jahre zuvor war von den beiden Bühnenmagiern das Odeon eröffnet worden. Die ehemalige, im Zweiten Weltkrieg ausgebrannte Getreidebörse in der Taborstraße war eine Art Paradies: Kaufmann und Piplits stecken all ihr Geld, all ihre Energie in das historistische Gebäude mit den dominanten Säulen. Und sie kämpften unererschrocken um das Odeon, das ihnen die Wiener Kulturverwaltung zeitweise wegzunehmen versuchte.

In “PaRaDiSo”, der 30. Arbeit ihres Serapions Ensembles, ging es daher um diesen von Kaufmann und Piplits beseelten, die Phantasie beflügelnden Ort. Zunächst sah das Publikum nur eine an die sechs Meter hohe, scheinbar massive Mauer aus gut 400 Sandsäcken. Das Paradies muss sich, dachte man, dahinter befinden. Denn im alten Persien nannte man die mauerumgrenzten Jagdreviere so.

Doch plötzlich stürzte die Mauer um. Nein, nicht krachend, sondern lautlos. Die in düsteren Farben bedruckten Säcke entpuppten sich als federleichte Kissen. Sie bildeten ein Trümmerfeld, durch das sich eine zierliche Frau, Ulrike Kaufmann, zögerlich ihren Weg bahnte. In Händen hielt sie ein rotes Band: den roten Faden, der sich durch die Geschichte des Odeons zieht.

“PaRaDiSo” wird wohl die letzte Produktion des Serapions Theater gewesen sein. Die Wiederaufnahme fand bereits ohne Ulrike Kaufmann statt. Im Sommer 2014 wirkte Erwin Piplits sehr bedrückt. Nun, am 19. Dezember, erlag Ulrike Kaufmann, die “universelle Kunstschaffende”, im 62. Lebensjahr einem schweren Leiden, wie es in einer Mitteilung des Odeons heißt.

Im Programmheft zu “PaRaDiSo” erklärte Piplits alles ganz genau. Dass die Buchstaben PRDS im Hebräischen das Wort “Pardes” ergeben, “Paradiso” also, und dass diese Konsonanten für das Sein, das Wahrnehmen, das Verstehen und das Ahnen stehen – für vier Aspekte, die grundlegend für das Kunstschaffen seien und in der Arbeit des Serapions Ensembles sichtbar würden. Diese Anregung in eine Inszenierung umzusetzen sei jedoch nicht einfach gewesen, weil es keine Geschichte als Ausgangspunkt gab.

Und trotzdem entwickelte sich eine: Zu einer gewaltigen Musikkulisse verwandelte sich das düstere Trümmerfeld in ein heiter leuchtendes Odeon. Gegen Ende hin machte sich der riesige, von Ulrike Kaufmann bemalte und bedruckte Prospekt quasi selbständig: Er sackte kurz in sich zusammen, dann schwebte er als gewaltiger fliegender Teppich über der Szenerie. Und schließlich wurde er zum Dach, das dem Ensemble Schutz bot. Ulrike Kaufmann wird weiter über dem Odeon schweben. Auch wenn sie nicht mehr die Fäden ziehen kann.

Copyright: Thomas Trenkler 2014

Ein Nachtrag: Entgegen meinen Befürchtungen gibt es doch eine weitere Produktion des Serapions Theaters. “Anagó”, dem Andenken an Ulrike Kaufmann gewidmet, erzählt vom Abenteuer des Lebens und von der Entfaltung innerer Freiheit. Zur Verwendung kommen Bühnenbilder und Kostüme, die Ulrike Kaufmann noch entworfen hat. Die Premiere findet am 12. März 2015 statt.

Comments
One Response to “Ulrike Kaufmann zieht keine roten Fäden mehr”
  1. annamatuschka@yahoo.de' Anna B sagt:

    So traurig und so schön geschrieben. Ulrike Kaufmann wird uns hier im 2. sehr fehlen!
    Good bye great lady, phenomenal woman.

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