Vom Tampon zur Zigarettenmarke

Ein paar Einrücke von meiner ersten Woche beim “Kurier” –

Beim „Kurier“ ist alles ein wenig anders. Das fängt schon beim Fachvokabular an: Die „Bildgeschichte“ zum Beispiel nennt man „Standalone“. Als „Anzeigenspitz“ bezeichnet man einen in der Höhe variablen Turm aus kleinen Inseraten. Man legt Wert auf den „Storyteller“. Und Beiträge, die nicht zum Aufmacher taugen, kommen als „Kellergeschichte“ ins Blatt. Die Glosse auf Seite 1, im „Standard“ das „Kastl“, heißt „Ohrwaschl“. Neben den Chefs vom Dienst gibt es auch einen täglichen „Blattmacher“. Die Innenpolitik wird nicht „Ipo“ abgekürzt, sondern „Ipol“. Alles Wissenswerte über die anstehende Produktion erfährt man aus dem „KurierWiki“.

Wenn man als Redakteur von Oscar Bronner eine Genehmigung braucht, antwortet der „Standard“-Herausgeber in der Regel mit „OK OB“. Ein Klassiker. Helmut Brandstätter, der Chefredakteur des „Kurier“, macht es ähnlich: Er schreibt „OK HB“. Ich bin also vom Tampon zur Zigarettenmarke gewechselt. Und doch ist beim „Kurier“ alles ein wenig anders. Denn Helmut Brandstätter fügt zwischen das „OK“ und das „HB“ ein „LG“ ein. Diese lieben Grüße: Sie sind der große Unterschied. Generell.

Im „Kurier“ herrscht eine ungemein freundliche Stimmung. Man glaubt es kaum, wie entspannt eine Morgenkonferenz abgehalten werden kann. Herbert Gartner ist ein Chef vom Dienst, wie der leider viel zu früh verstorbene Otto Ranftl beim „Standard“ einer war: Was zählt, ist die Zeitung von morgen.

Und völlig perplex war ich, als am zweiten Tag der Betriebsarzt vorbeischaute. Er fragte mich, ob mit meinem Arbeitsplatz alles in Ordnung wäre. Ja, es ist alles in Ordnung. Von der Decke senkt sich kein Sprühnebel, es zieht auch nicht.

Auch der „Kurier“ ist in moderne Großraumbüros übersiedelt. Das kam bei manchen meiner neuen Kolleginnen und Kollegen nicht so gut: von der geliebten Lindengasse hinaus zum Karl-Marx-Hof. Und sie schauen mich an, als sei ich irgendwie durchgeknallt. Denn ich bin richtiggehend entzückt. Eben weil sich kein Sprühnebel von der Decke senkt. Und es zieht auch nicht. Man braucht keine Kaputzenjacke. Niemand klagt über zu trockene Luft oder entzündete Augen.

Die Architektur allerdings hat auch ihre Tücken. Denn beim „Kurier“ gibt es zwei unmittelbar hintereinander liegende Treppenhäuser, die gegenläufig und fast nicht voneinander zu unterscheiden sind. Das kann einen schon verwirren, wenn man von der Kulturredaktion im vierten Stock in den Newsroom im dritten Stock will – und grad nicht weiß, in welchem Stiegenhaus man sich befindet. Billy Wilder hätte hier, wenn es das Gebäude schon vor drei oder vier Jahrzehnten gegeben hätte, nette Verwechslungskomödien drehen können. Und schon wieder wundere ich mich, dass ich die falsche Tür erwischt habe.

Copyright: Thomas Trenkler 2015

Comments
4 Responses to “Vom Tampon zur Zigarettenmarke”
  1. annamatuschka@yahoo.de' Anna B sagt:

    Lieber Thomas,
    ich freu mich sehr, dass es Dir ganz offensichtlich gut geht an Deiner neuen Arbeitsstätte.
    Auf dass es so bleibe alter Freund!
    Crossing my fingers
    Anna

  2. alles klingt viel mehr Freundlich!
    viel erfolg dann

    Lg

    Esther

  3. roman.freihsl@gmx.at' roman sagt:

    zum thema stiegenhäuser gibt es auch eine wunderbare anekdote von jörg mauthe über die treppensysteme im wiener rathaus. er hatte sich (wieder einmal) verirrt, ging eine stiege hinauf – und stand auf einmal vor einer mauer. ohne türe. eine stiege, die einfach an der wand endete.
    allerdings: später versuchte er, diese stiege noch einmal aufzusuchen – und fand sie nie wieder…
    😉
    LG roman

  4. na dann: herzlich willkommen beim nicht nur guten raumklima!

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