Michael Heltau: “Ich lass mich nicht im Sarg ums Haus tragen”

Michael Heltau, der Doyen des Burgtheaters, tritt demnächst zwei Mal im Brahmssaal des Musikvereins auf: Am 26. März 2015 rezitiert er Chansons, Songs, Schlagertexte und Operetten, am 30. April Schubert-Lieder aus „Die schöne Müllerin“ und „Die Winterreise“. Und am 13.Juni präsentiert er sein Programm “I brauch kann Pflanz” im Stadttheater Baden. Aus diesen Gründen ein Interview, das ich am 2. April 2012 mit Michael Heltau über sein Leben, die Liebe, den Glanz und die Kunst der Unterhaltung führen durfte. Das Interview wurde im Heft 2/2012 der Kulturzeitschrift “morgen” veröffentlicht. –

Sind Sie eigentlich Deutscher – oder Österreicher?

Österreicher! Absolut Österreicher!

Wikipedia führt Sie als „deutschen Schauspieler und Chansonnier“.

Das machen die? Da bin ich ja in bester Gesellschaft mit Mozart.

Sie wurden 1933 in Ingolstadt geboren und kamen 1938, nach dem Anschluss, ins Salzkammergut.

Ja, mein Vater war beim Autobahnbau dabei. So kam ich mit fünf Jahren nach Seewalchen am Attersee. Dort ging ich in die Volksschule, danach in Gmunden ins Internat. Meine Mutter hat es geschafft, dass ich nicht zur HJ musste – und das in Gmunden! Mich hat schon damals nichts so interessiert wie die Literatur. Ich hab’ Rotz und Wasser geheult bei „Kabale und Liebe“. Der Lehrer sagte meiner Mutter: „Ich glaub, er hat a künstlerische Ader.“ Das find ich irrsinnig komisch: Warum soll a Bub eine künstlerische Ader haben, nur weil er beim Lesen weint? Aber es war gut, dass er ihr nicht gesagt hat, sie solle mir das verbieten. Er hätte ja auch sagen können: „Der regt sich so auf beim Lesen!“ Es gab also auch in der Nazizeit ein paar gute Lehrer. 1945, nach Ende des Weltkriegs, wurde meine Mutter – mein Vater war noch in Stalingrad – mit mir und meiner jüngeren Schwester ausgewiesen. Ausgewiesen als Reichsdeutsche! Wenn man sich das genau überlegt: Das ist eigentlich dunkelstes Mittelalter. Dieser Provinzialismus des Denkens: auf den bin ich seither allergisch.

Sie sind also zwangsweise zurück nach Bayern?

Ja. Auf einem Viehwagen.

Und wie wurden Sie dann der Parade-Wiener?

Das hat sich durch die Musik und die Literatur ergeben. Ich machte die Aufnahmeprüfung an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Die wollten mich haben, wirklich haben, weil ich versprach, Schiller und so spielen zu können, eben ein „jugendlicher Held und Liebhaber“ zu sein. Aber sollte ich wirklich diesen Beruf anfangen? Sollte ich nicht lieber Lehrer werden und Germanistik studieren? Ich sagte zu meinen Eltern, der Vater war gerade aus Stalingrad zurückgekommen: „Ich will noch eine Aufnahmeprüfung machen. Die können sich ja getäuscht haben.“ So hab ich am Max-Reinhardt-Seminar vorgesprochen. Und so kam ich in den 50er-Jahren, nach der Matura, nach Wien.

Wussten Sie schon damals, dass Wien Ihr Lebensmittelpunkt werden wird?

Aber keine Spur! Es hätte auch Berlin werden können. Aber Berlin ist es nicht geworden – wegen der Mauer. Ich hatte immer eine Mischung aus Angst und Empörung, wenn ich mit meinem VW-Käfer durch Ostdeutschland gefahren bin und von den DDR-Grenzern miserabel behandelt wurde.

Sie spielten unter anderem am Schillertheater.

Der Direktor war der Barlog, Boleslaw Barlog. So jemanden wie ihn gibt es nicht mehr. Als er mich engagierte, fragte er mich: „Na, Junge, wo kommste denn her? Aber sag mir jetzt nicht: von der Reinhardt-Schule. Denn dat weeß ich.“ Und so erzählte ich ihm von Ingolstadt und meinen Eltern. Ingolstadt war damals gar nicht bekannt, weil noch ohne Audi. Und da sagte er zu seinem Dramaturgen: „Siehste, wo die Prinzen herkommen, ist immer noch ein Rätsel.“ Aber Berlin hat mich krank gemacht. Weil es die Mauer gab, weil man nicht heraus konnte. Und dann hab ich mich für Wien entschieden – aber gar nicht überzeugt. Gar nicht überzeugt! An der Josefstadt ist so viel Dreck gespielt worden, grauenhafte Komödien, und nur einmal im Jahr kam als Alibi ein Shakespeare – und für den haben sie dann einen Gast geholt. Mein erster wirklicher Erfolg war „Wie es euch gefällt“. Sie wollten eigentlich den Peter Arens, aber weil er nicht kam und sie nicht mehr weiterproben konnten, hab ich eben die Rolle des Orlando bekommen.

Ich hätte nicht gedacht, dass auch Sie bittere Lehrjahre durchleben mussten.

Oh doch. Aber es war gut, dass es nicht so gut ging. Man muss es am eigenen Leib erfahren, dass Leute, die keine großen Menschen sind, dich schlecht behandeln. Denn erst dann weißt du, dass sie dich schlecht behandelt haben, weil sie Zniachterl sind. Nett zu mir waren immer nur die Großen: der Barlog, der Strehler, der Karajan, der Bacher.

Mit „Wie es euch gefällt“ waren Sie schlagartig bekannt?

Ja. Die ganze Josefstadt-Garnitur hat gespielt – aber plötzlich haben alle vom Michel Heltau geredet. Ich sag immer: Wenn du in diesem Beruf nicht entdeckt wirst, musst du schauen, dass du vergessen wirst. Du musst dich zurückziehen. Denn wenn du dich nicht zurückziehst, kannst du nicht wieder entdeckt werden. Und in der Regel reicht die erste Entdeckung nicht für 50 Theaterjahre.

Sie wurden immer wieder entdeckt: von den ganz großen Regisseuren, angefangen von Erwin Piscator.

Sie kamen im richtigen Moment zur richtigen Zeit. Das war mein ganzes Leben so. Aber ich hab nicht das Gefühl, dass mir alles in den Schoss gefallen ist. Ich habe auch immer das Risiko gesucht. Ich liebe diesen Beruf, weil er kein Netz hat. Immer, wenn man ein Netz aufspannen wollte, habe ich gesagt: „Weg damit! Oder ich geh weg!“ Am Burgtheater sagte man mir: „Wenn Sie jetzt weggehen, werden Sie nie wieder kommen.“ Und ich sagte: „Dann ist es Schicksal.“ Ich bin immer wieder weggegangen, ich hab viel in Italien gearbeitet, ein Jahr lang in Frankreich den Mackie Messer gespielt und so weiter.

Und Sie sind nach Wien zurückgekommen. Aber irgendwann wandten Sie sich vom traditionellen Schauspiel ab – und dem Chanson zu.

Ich habe mich auf das Genre Unterhaltung eingelassen. Nicht, weil ich keine anderen Angebote gehabt hätte. Aber ich habe mich gefragt: Wieso haben so viele Leute das gern? Ich stellte fest: Sie haben es gern, obwohl es ihnen zum großen Teil sehr zynisch und äußerst fragwürdig angeboten wird. Kein anderes Genre wird derart gefleddert und so oberflächlich dargebracht. Ich fing mit der großen Literatur an, in München am Residenztheater, dann in Berlin mit Piscator, am Schillertheater, dann in Hamburg, Schauspielhaus, Thalia Theater und in Wien Josefstadt, Volkstheater und Burg: Es waren immer diese Häuser, in die das Publikum geht, um zu erfahren, wie es gehört. Bis auf ganz wenige Ausnahmen nimmt das Publikum die Inszenierung wie ein Evangelium – ohne zu prüfen. „Es ist da. Und wenn es da ist, dann stimmt‘s.“ Das finde ich ganz entsetzlich. Ich möchte vieles nicht sein, aber etwas am allerwenigsten: bedeutend. Das wäre mir grauenhaft. Denn wenn etwas bedeutend ist, hören die Leute auf zu denken. Jemanden, der ihnen als bedeutend gegenübertritt, hinterfragen sie nicht. Wenn ich allerdings ein Wienerlied singe, sagen die Leute vielleicht: „Na, der singt des net so schön, wie‘s ghört.“ Da reagieren sie plötzlich! Das hat mein Interesse für die Ware – ich kann es nicht anders nennen – Unterhaltung geweckt.

Die Unterhaltung wird aber nur dadurch interessant, weil Sie die Chansons und Wienerlieder einen Tick anders interpretieren.

Die Chansons gehen eins zu eins nicht bei uns. Ein Tick anders: das gefällt mir. Aber eben ohne „R“. Denn Trick gibt es keinen.

Nein? Sie haben schon Tricks auf Lager! Allein schon, wie Sie auf die Bühne gehen.

Das ist kein Trick, das ist Stil! Das hab ich gelernt bei Schiller und Goethe: Es muss alles eine Form haben. Das ist mir wahnsinnig wichtig. Eine Form kannst Du aber nur haben, wenn du handwerklich so gut wie nur irgendwie möglich bist. Ich glaube, ich habe die sehr, sehr guten Lehrer am Reinhardt-Seminar verstanden: Es geht um professionelle Präzision. Das bedeutet: Sprechen, sprechen, sprechen. Und wenn du dann einmal glaubst, es zu können, dann bitte auch so sprechen, dass es einen Sinn hat! Eine sinnlose Brillanz kann einen unerhörten Effekt, einen riesigen Erfolg haben, aber es ist das Dümmste, was es gibt.

Mitunter fällt auf, dass Schauspieler oder Sänger den Text nicht begriffen haben.

Genau. Am Theater macht man es sich mitunter einfach: Man flüchtet in einen Alltagsjargon. Aber man kommt der Sache nicht näher, wenn die Burschen in einem Shakespeare-Stück „Fick Dich!“ oder „Scheiße!“ sagen. Das zeigt mir den Mangel umso mehr! Das Theater hat meines Erachtens nach wie vor die Aufgabe, Poesie zu sein. In „Wie es euch gefällt“ kommt der Satz vor: „Meine Liebe ist tief wie die Bucht von Portugal!“ Das ist doch unfassbar schön. Ich bekomme auch noch mit fast 79 eine Gänsehaut. Verliebtheit ist nicht wunderbarer ausdrückbar. Rosalinde war nie in Portugal, verwendet aber ein unerhörtes Bild – und wem, außer Shakespeare, fällt das ein? „Meine Liebe ist so tief wie die Bucht von Portugal!“ Wenn ich das nicht höre, dann ist „Wie es euch gefällt“ immer noch ein sehr schönes Stück. Aber die entscheidende Dimension fehlt.

Sie haben schon mehrfach das Regietheater kritisiert.

Ja. Ich möchte als Zuschauer aufgeregt werden. Aber die Aufregung soll auf einem möglichst legitimen Weg erzeugt werden: indem man am Text bleibt. Regietheater find ich – mit wenigen Ausnahmen – ein Versagen, eine Flucht. Ich kann es nicht anders sagen. Vor ein paar Wochen habe ich auf „Arte“ ein Porträt der Ariane Mnouchkine gesehen. Im Interview ist dreimal das Wort „Zärtlichkeit“ vorgekommen. Auch ich finde: Zärtlichkeit ist notwendig am Theater, es geht um die Intimität der Beschäftigung mit dem Text. Dann geht auch die Eitelkeit weg. Dann heißt es nicht mehr: „Was mache ich damit?“ Sondern: „Was macht der Text mit mir?“ Und wenn ich dem, was es mit mir macht, auf der Bühne möglichst nahe komme, dann macht der Text auch etwas mit denen, die mir zuhören. Je weniger eitel wir Schauspieler sind, desto glaubwürdiger, authentischer sind wir.

War das Regietheater mit ein Grund, warum Sie mit dem Schauspielen aufgehört haben?

Ja. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu: Schnitzler sieht im Residenztheater den „Faust“ und schreibt danach an seine Frau Olga: „Dass sie es nie begreifen – ob ,Faust‘ oder ,Weißes Rössl‘: Ohne Glanz geht’s nicht.“ Ja, das stimmt: Theater muss Glanz haben! Na selbstverständlich! Je grauer die Politik wird, desto auswechselbarer alles wird, und wenn auch die Kirche glanzlos ist: Dann braucht es Glanz. Egal ob Madonna oder Lady Gaga, die bedienen eine Nachfrage – ganz egal, ob das dem Michel Heltau gefällt oder nicht. Die sind faszinierende Personen! Wunderbar, wenn die auch in der Politik vorkämen.

Glanz braucht es also nicht nur auf der Bühne?

In jedem Bereich. Sonst bemerkt man die Menschen nicht.

Bei Ihren Soloabenden sind Sie selbst verantwortlich für die Regie – und den Glanz.

Ich mach eben, was ich mir vorstell’ unter Showbusiness. Dass ich überhaupt singe, daran war der Gerd Bacher, der ehemalige ORF-Generalintendant, schuld. Ich machte einen Abend, der hieß „Kinder und Narren“: Ein damals junger Mann stand auf der Bühne, er sprach Psalmen und Texte. Diesen Abend hat der Bacher aufgezeichnet und im Fernsehen gezeigt. Das war eine Bombe im Hauptabendprogramm! Bacher sagte danach: „Ich möchte, dass Sie weitermachen!“ Ich sagte: „Ja, aber das dauert lange, bis so ein Literaturprogramm zusammengestellt ist.“ Und er sagte: „Aber Sie singen doch auch.“ Das tat ich damals mir persönlich zum Vergnügen. Ich sagte: „Ich kann nur Theater, Herr Bacher.“ Aber so entstand „Auf d’Nacht, Herr Direktor…“

Das war 1975. Es gab damals noch eine Dekoration und eine Rahmenhandlung: Sie verwandelten sich auf der Bühne in einen Entertainer. Jetzt gibt es nur mehr einen Panamahut, der auf dem Mikrofonständer hängt und auf Sie wartet.

Sie sehen: Dass ich mich jetzt so nackert auf die Bühne trau, hat eine lange Vorgeschichte. Ich hab 30 Jahre an diesem Bild gearbeitet. Und in allen meinen Soloprogrammen habe ich versucht, Grenzen zu verwischen. Also nicht nur Nestroy zu zitieren, das ist nicht schwer, sondern auch Kleist. Da wird es aufregend und schön. Für mich.

Vor allem in Verbindung mit Liedern…

Aber man darf nach Kleist kein Lied nehmen, das nix wert ist. Es muss auf eine möglichst einfache, aber ehrliche Weise dazugehören.

Es fällt auf, dass bei Ihnen Chanson und Wienerlied eigentlich das Gleiche sind.

Ich hab vor vielen Jahren bei den Schwetzinger Festspielen mit der Juliette Greco einen Abend „Wien – Paris“ gemacht. In der Pause sagte die Greco: „Merkst Du eigentlich, dass wir beide das Gleiche machen?“ Das ist es! Und das hat auch einen Grund: die Lebensanschauung. Aber in Wien kommt noch etwas dazu.

Sie meinen das Morbide und Bösartige?

Mit schleichenden Übergängen. Aber wissen Sie, was mein – nun gut – Trick ist? Ich singe von keinem Wienerlied die dritte Strophe. Denn die ist immer grauenhaft. Die reine Verlogenheit und Sentimentalität. Dass man dem Stephansdom sein Leid klagt: Das geht zu weit. Das lasse ich aus, das singe ich nicht. Ich halte mich daran, was zu glauben ist. Friedrich Torberg sagte zu mir: „Du hast mir das Wienerlied gerettet.“

Seit „Auf d’Nacht, Herr Direktor…“ entstehen praktisch alle Ihre Programme in Zusammenarbeit mit dem Regisseur und Übersetzer Loek Huisman.

Nein, wir arbeiten schon viel länger zusammen. Das begann mit „Die berühmte Stimme“. Ich hatte damals, mit 24 Jahren, noch keine berühmte Stimme, der Zyklus hieß eben so. Das waren Soloabende mit Literatur.

Verzeihen Sie mir die indiskrete Frage: Huisman ist Ihr Lebenspartner?

Ja, aber das Wort „Lebenspartner“ gefällt mir nicht. Es ist verbraucht – wie auch das sehr gute Wort „Lebensmensch“ von Thomas Bernhard. Der Begriff wurde von Jörg Haider entwertet, weil auch er „Lebensmenschen“ hatte. Und der „Lebenspartner“ ist für mich so etwas wie „meine Gattin, mein Gatte“. Das hat so einen bürgerlichen Touch, den ich nicht mag.

Was ist Huisman dann?

Er ist der Mensch, mit dem ich seit meinem 20. Lebensjahr zusammen bin. Das ist doch schöner als „Lebenspartner“ – oder? Wir hatten immer ein gemeinsames Thema. Das ist wichtig. Und er ist Holländer. Das ist eine andere Welt: das Angelsächsische, das Großzügige. Und das ist sehr befruchtend. Über Loek habe ich zum Beispiel Jacques Brel kennengelernt.

Und wann immer Sie einen neuen Soloabend fertig haben, gehen Sie zum Direktor, damit er Vorstellungen ansetzt.

Er möchte natürlich, dass ich öfter auftrete. Denn ich brauche keine Dekorationen, ich blockiere das Haus nicht mit Proben – und ich hab a gute Nachred. Das ist ja nicht so schlecht.

Ihr letztes Programm „I brauch kan Pflanz“ spielten Sie am Akademietheater, mit „Es ist immer jetzt“ treten Sie jetzt im Burgtheater auf. Ist das große Haus eine größere Herausforderung?

Nur das große Haus ist der Reiz! Es gibt in Wien zwei Theater mit dieser Dimension. Das Volkstheater ist viel leichter zu bespielen. Das Burgtheater ist eine Herausforderung, aber ich liebe das große Haus über alles.

Wie ist es, wenn man spürt, dass man das Publikum in der Hand hat?

Ach, die haben doch mich in der Hand!

Was ist das Faszinierende von Theater?

Die Vergänglichkeit. Das hat mit dem „Es ist jetzt am Abend und es ist nie mehr wieder so“ zu tun. Das ist etwas Herrliches. Ein Satz von Schnitzler bringt das für mich auf den Punkt. Er war mit allen, die er gern hatte, zusammen. Und dann schreibt er in sein Tagebuch: „Wie schön wird das in der Erinnerung gewesen sein.“ Das ist Theater: Wenn ein bissl etwas bleibt. Ich kann nur ein Angebot machen, aber erst die Zuschauerin, der Zuschauer macht den Abend vollkommen. Die Leute gehen doch ins Theater – und auch zum Michel Heltau, der einen Soloabend gibt, um sich selbst zu entdecken. Wenn jemand danach sagt „Ach, war das schön!“, dann heißt das doch: „Ich habe mich gefühlt!“

Das Burgtheater ist Ihre Heimat geworden. Vor fast zwei Jahrzehnten, 1993, wurden Sie der Doyen. Wie kam es dazu?

Das Ensemble hat mich gewählt. Ich sollte oft Theaterdirektor werden – an der Josefstadt, an der Burg. Aber ich hätte mit vielen Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich sehr gut bin, nicht mehr sehr gut sein können. Weil man eben nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden und besetzen muss. Da dachte ich mir: Ich möchte ein Vermittler sein zwischen der Direktion und dem Ensemble. Wichtig ist, dass der Doyen nichts für sich will. Der Heltau hat so viel abgesagt in seinem Leben, er war nie wegen einer Rolle in der Direktion: Das wussten alle. Und dadurch konnte ich diese Vermittlerrolle einnehmen. Das hat funktioniert – auch unter Claus Peymann.

Als Doyen sind Sie unkündbar. Sie könnten doch darauf bestehen: Ich will auch Theater spielen!

Ich werde ohnedies ununterbrochen gefragt. Matthias Hartmann (im März 20124 als Burgtheaterdirektor gefeuert, Anm.) hat den Ehrgeiz, dass ihm gelingt, was den Vorgängern nicht gelungen ist: Dass ich spiele. Aber das ist ausgeschlossen. Nach der letzten Vorstellung von „Es ist immer jetzt“ standen die Leute beim Bühnentürl. Sie sagten, wie schön das doch war. Und ein Mann sagte: „Immer wieder dieser Schmerz, dass Sie nicht mehr spielen!“ Ich sagte: „Ich geb Ihnen eine Chance: Was soll ich spielen?“ Und er: „Was Sie wollen!“ Ich sagte: „Das ist es eben. Die eine Rolle, die gibt es ja nicht mehr. Ich hab ja alles gespielt.“ Giorgio Strehler sollte mit mir den „König Lear“ machen, aber dann starb er. Das war Ende 1997. Und das hab ich als Zeichen verstanden: „Das war’s!“ Ich dachte mir: Alle anderen wollen spielen, alle suchen Rollen. Es ist doch dann ein Glück, wenn der Heltau keine Rolle sucht.

Nun, alle Rollen haben auch Sie noch nicht gespielt. Vor allem nicht alle alten Männer.

Ja, mir wurden alle Ibsen-Rollen vorgeschlagen. Aber es war nichts dabei, das mich interessiert hätte. Meine erste große Shakespeare-Rolle war bei Gustav Manker der Troilus. Er muss zuhören, wie seine erste Liebe, die Cressida, ihn betrügt. Mehr Leid als der Schmerz eines jungen Menschen ist in einem ganzen Repertoire nicht mehr zu spielen. Das ist meine Antwort.

Eine Rolle, die Sie dennoch interessieren könnte, wäre der Ödipus.

Warum ist das am Theater noch niemandem eingefallen? Ich kenne nur zwei, Patrice Chéreau und Ariane Mnouchkine, denen ich zutraue, dass sie uns diesen Stoff sinnlich nahe bringen können.

Wenn die das machen würden?

Ja, dann würde ich zur Verfügung stehen. Wer für Chéreau oder Mnouchkine nicht zur Verfügung steht, der ist falsch in diesem Beruf.

Gestatten Sie mir eine letzte Frage zum Doyen…

Ich weiß schon. Nein, ich lass mich nicht im Sarg ums Haus tragen. Ich denke nicht daran. Vor etlichen Jahren erschien in der „Kronen Zeitung“ ein Interview mit dem Kardinal König. Er nannte mich als seinen Lieblingsschauspieler. Ein wenig später begegnete ich ihm zufällig in der Schauflergasse. Ich wollte unerkannt an ihm vorbei, aber er streckte mir die Arme entgegen. Ich sagte zu ihm: „Grüß Gott, ich hab mich so gefreut, aber, Eminenz, ich bin ja gar kein typischer Schauspieler.“ Und er sagte: „Drum!“ Und drum will ich auch nicht ums Haus getragen werden. Wir haben vorhin über den Glanz gesprochen. Dieser letzte Glanz, den das Burgtheater, das Publikum und die Stadt zu vergeben haben: Das ist nicht meiner.

Foto: Rita Newman fotografiert Michael Heltau am 2. April 2012 in dessen Garten.
Copyright: Thomas Trenkler 2012/2015

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